JENISCHE Mausefallen aus dem Ort Neroth
Heimarbeit — Wandergewerbe — Jenisch gesprochen

Siegfried Stahnke, Neroth

Das liebliche Eifeldorf Neroth im Kreise Daun gilt als das Zentrum der Mausefallen-Heimarbeit in der Eifel. Nerother Hausierhändler sind dafür bekannt, daß sie die Erzeugnisse in ganz Europa umsetzten. Dabei verständigten sie sich untereinander in einer eigenen Sprache, der Jenischen. Jenisch war zeitweise eine Umgangssprache in Neroth und wurde nur in einigen Nachbardörfern noch verstanden. Diese Fakten haben über ein Jahrhundert grundlegend das Dorfleben geprägt, die soziale Notlage der armen Bevölkerung gelindert und den Namen Neroth in die entferntesten Länder hinausgetragen.

Der Ursprung dieses aussterbenden Handwerks mag auf die Zeit nach 1826 zurückgehen. Wie die Schulchronik berichtet, wurde damals ein großer Teil des Dorfes durch Feuer zerstört16. Deshalb versuchte die ohnehin schon arme Landbevölkerung, die ihr Leben auf kargem Vulkanboden fristen mußte, den Lebensunterhalt durch selbstgefertigte Holz-und Drahtwaren zu verbessern. Dabei wurde sie vom Dorflehrer Wilhelm Michels tatkräftig unterstützt, und auch der Nachfolger im Lehramt, sein Sohn Peter Michels, wirkte in gleichem Sinne zum Wohle der Heimarbeiter.

Um 1840 hat sich nach der Schulchronik auch Theodor Kläs um die Drahtwaren-Fertigung gekümmert. Er war derart daran interessiert, daß er sogar eine Lehrerstelle im Kreis Daun ausschlug, nur um zu »Industriezwecken« auf Reisen zu gehen. Dabei kam er mit anderen Hausierern in Kontakt, die auch selbstgefertigte Drahtwaren verkauften. So lernte er manches hinzu, und dank seiner Erfahrung brachte er daheim 10 bis 12 verschiedene Modelle in die Fertigung und in den Handel16. Es wurden jetzt nicht nur Mausefallen hergestellt, sondern auch allerlei Gegenstände des täglichen Bedarfs, die mit Hand und Zange aus Holz, Draht und Blech gefertigt werden konnten: Schaumschläger, Kleiderhaken, Tortenbodenteller, Topfuntersätze, Böckchen für Bügeleisen, Frucht- und Blumenkörbchen, Hängeampeln usw., Hauptprodukt sind aber die Mäuse- und Rattenfallen geblieben2.

So entstand nach 1840 in Neroth eine regelrechte Heimindustrie der Drahtflechterei. Alle, die nicht in der Landwirtschaft arbeiteten oder dort nur unzureichend Verdienst fanden, beteiligten sich daran: Kinder und Frauen, Jugendliche und Männer, soweit letztere nicht als Hausierer mit der Ware unterwegs waren. Als Kläs aber erkannte, daß als Folge seiner Aktivität Preise und Verdienst heruntergedrückt wurden, setzte er sich mit seinem 14 Jahre alten Sohn nach Frankreich ab, wo er in Paris einige Jahre mit großem Erfolg ein Geschäft betrieb. Er genoß so hohes Ansehen, daß er schließlich den Beinamen »Vater Kläs« erhielt. Nach seinem Tode im Jahre 1860 setzte sein Sohn die Tätigkeit dort fort16.

Wenn auch in Neroth die Drahtwaren-Heimarbeit nun allgemein eingeführt war, so darf nicht übersehen werden, daß sie immer nur eine Nebenbeschäftigung blieb, um die allergrößte Not zu lindern. Neroth war arm, der Boden karg, die Viehnutzung rar. Die Leute lebten von der Hand in den Mund als Tagelöhner, Viehjungen oder fern der Heimat als Fabrikarbeiter. Am 4. 10. 1860 berichtete Bürgermeister Klein in Gerolstein, daß Neroth bei der Kgl. Regierung als eine der ärmsten Gemeinden des Regierungsbezirks galt14. Da war der Hausierhandel oft die einzige Rettung.

Das erkannte auch der damalige Landrat von Daun, Graf von Brühl. Ihm kam es darauf an, eine zweckmäßigere Organisation sowohl in der Herstellung als auch beim Vertrieb zu erreichen, vor allem, um den Hausierhandel mit seinen nachteiligen Folgen für das Familienleben zurückzudrängen17.1884 interessierte sich auch der »Zentral-Gewerbe-Verein für Rheinland, Westfalen usw.« und das Gewerbe-Museum in Düsseldorf für die Nerother Drahtflechterei. Im Auftrage der königlichen Regierung wurde am 17. 8. 1885 in Neroth eine Ausstellung der verschiedensten Drahtgeflechte und Mausefallen arrangiert, bei deren Eröffnung viele Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und der Industrie anwesend waren5. Man richtete Kurse für die zweckmäßigste Drahtwaren-Herstellung ein. Dadurch wurden die landwirtschaftlichen Verhältnisse verbessert, so daß die Hausierer nebenbei noch einen landwirtschaftlichen Nebenbetrieb unterhalten konnten4. Außerdem unterstützte Graf von Brühl die erste Verzinnerei5, denn gerade für Haus- und Küchengeräte waren gute, verzinnte Drahtwaren ausschlaggebend für den Absatz10.

Vielleicht steckte hinter allen Bemühungen auch die Absicht, die Nerother Drahtflechter in einer Rohstoff- und Absatzgenossenschaft zu vereinen, doch war der Wanderdrang der Hausierer nicht zu zähmen. Sie gingen ihrem so lieb gewordenen Wandergewerbe auch dann noch nach, als 1884 einige der Anfertiger eine Firma mit dem Namen »Pfeil und Kompanie — Nerother Drahtwaren-Fabrik« gründeten15. Diese unterhielt eine kleine Werkstatt mit selbsterfundenen Maschinen und Geräten zum Bearbeiten von Holz und zum Biegen von Draht. Gleichzeitig war die Firma Sammelstelle und übernahm den Versand der Produkte in alle Welt. 30 Haushaltungen arbeiteten diesem Unternehmen zu, doch gab es noch 20 Personen, die den Hausierhandel mit Eigenfertigungen weiter betrieben. Um die Jahrhundertwende hatte Neroth 650 Einwohner (heute sind es 1 000). 15 Haushaltungen lebten damals ausschließlich von der Drahtindustrie, sei es als Hausierer, sei es als reine Hausindustrielle; aber insgesamt waren es 100 Haushaltungen, die sich mit der Drahtwaren-Herstellung befaßten10.1890 nahm die Drahtwaren-Hausindustrie in Neroth einen großen Aufschwung, und der Kreistag verzichtete sogar auf die Rückzahlung eines Darlehns zur Einrichtung der Nerother Drahtwaren-lndustrie, besonders einer Verzinnung, »da immerhin ein kleiner Erfolg erzielt worden war05«.

Es gab aber auch Zulieferer aus den Nachbargemeinden. Ein Pfarrer Winter aus Neunkirchen führte die Drahtindustrie in Dörfern und Familien ein, die sich noch nicht damit befaßt hatten5'10. So haben einzelne Heimarbeiter aus Dockweiler, Gees, Neunkirchen, Steinborn und Waldkönigen mit der Nerother Drahtwaren-Fabrik in Verbindung gestanden.

Das Beispiel »Pfeil und Kompanie« (später von seinem Sohn Josef Pfeil betrieben) machte Schule: Im Jahre 1910 richtete Johann Mertes eine eigene Sammelstelle ein. Auch er versorgte seine Anhänger mit dem notwendigen Rohstoff, sammelte die fertigen Erzeugnisse ein und gab sie an Verbraucher-Unternehmen, z. B. an eine Firma in Gerolstein weiter. In dieser Konkurrenzsituation hatte jeder seine Anhänger, die auch schon einmal aneinander gerieten. Doch gab es auch Einzel-Handwerker, wie z. B. Peter Mick, der 1923 eine Fabrikation für ein »Automatisches Fang-Haus für Ratten und Mäuse mit neun Futterbehältern« einrichtete und sich dieses gesetzlich schützen ließ. Er erhielt zahlreiche Anerkennungsschreiben; allerdings mußte er vorher oft erst an Ort und Stelle unter Beweis stellen, daß seine Fallen wirklich funktionierten.

Eine dritte Gruppe bildeten die alteingesessenen Bauernfamilien. Sie beherrschten als Besteuerte das Dorf und wollten von Mausefallen und Hausierern nichts wissen, obwohl sie genau so arm waren wie die anderen20. Vermutlich hatten die Hausierer sogar mehr flüssiges Geld als die Bauern.

Das war mit ein Grund dafür, daß man den Hausierern ein gewisses Mißtrauen entgegenbrachte. Sie waren auf sich selbst gestellt, lernten die weite Welt kennen und waren der »Kontrolle« der Familie entzogen. Manchmal haben sie sich durch Aufschneiderei selbst um den Ruf gebracht. Außerdem verständigten sie sich untereinander in einer Sprache, die für andere vollkommen unverständlich war. Es war die jenische Sprache, eine Sonderform des Rotwelschen, womit die Sprachwissenschaft die deutsche Gaunersprache18 aber auch jede unverständliche Redensweise bezeichnet, z. B. Kauderwelsch19. Jenisch hat sowohl zigeunerische Elemente als auch jiddisches Wortgut12, doch hat das Jenische viele Abwandlungen erfahren. So sprechen die Nerother einen grundlegend anderen Dialekt als die Hausierer aus Speicher, wo sich das Jenische auch erhalten hat.

 

 

Wenn zwei Nerother Hausierer sich in ihrer »Kundensprache« unterhielten, wurden die Zuhörer natürlich argwöhnisch, doch gibt es auch genügend Berichte, die den rastlosen Wandertrieb und unermüdlichen Fleiß der Nerother Fallenhändler loben2. Vielfach wurden sie von den Bauern auf dem Lande schon erwartet und beköstigt, denn als es noch kein Radio gab, waren sie zugleich willkommene Nachrichtenübermittler. Des abends fertigten sie noch Waren aus Draht, den sie sich von ihren Familien haben schicken lassen5, und beim abendlichen Plausch in der Bauernstube entstand sogar manch anhaltende Freundschaft. Wenn sie im Frühjahr wieder nach Neroth zurückkehrten, hatten sie dort viel zu erzählen.

Das ist nun alles anders geworden. Der Wohlstand der Nachkriegszeit und das Fernsehen sind in jedes Haus eingezogen und haben vieles eingeebnet, was früher originell, liebenswert, aber auch problematisch war12. Hausierer gibt es gar nicht mehr, und von der alten Mausefallen-Generation leben nur noch ein paar Frauen und Männer, so auch der Senior Josef Pfeil im hohen Alter von 91 Jahren. Zum Glück ist seine Werkstatt noch im Original erhalten, und seine Auftragsbücher können bezeugen, daß Nerother Gewerbefleiß sich selbst in der Welt bekanntgemacht hat.

Literaturnachweis:

1 Arnold, Herrmann: Soziale Isolate im Mosel-Saar-Nahe-Raum seit dem 18. Jhdt, Veröffentlichung des Instituts für Landeskunde des Saarlandes, 1964, S. 742 Baur, Viktor: Hausindustrie in der Eifel, in: Eifelvereinsblatt 1918, S. 64

3 Baur, Viktor: Wandergewerbe in der Eifel, in: Eifelvereinsblatt 23 (1922), S. 15 und in: Zender, Matthias: Eifel-Heimat-buch, Bonn 1924/25, S. 314

4 Baur, Viktor: Eitler als fahrendes Volk, in: Eifelkalender 1934, S. 94

5 Blum, Peter: Entwicklung des Kreises Daun, Festschrift des Kreises Daun zur Jahrhundertfeier der deutschen Rheinlande, Daun 1925, S. 156

6 Böffgen, Josef: Die Mausefallen und der Schelm, in: Gerol-steiner Schmunzelbüchlein, Gerolstein 1978, S. 69

7 Gierden, Hans: Mausefallen aus Neroth, in: Jahrbuch des Kreises Daun 1978, S. 68

8 Günther, L: Die Deutsche Gaunersprache, 1919 (Nachdruck 1965), S. 118

9 Hay, Wilhelm: Die Nerother Mausefallen, in: Merian, 7. Jhrg., 1954, Heft 4, S. 45

10 Hohn, Wilhelm: Hausindustrie und Heimarbeit in den Regierungsbezirken Koblenz und Trier, in: Schriftreihe des Vereins für Sozialpolitik, Jhrg. 86, Leipzig 1899; VIII. Die Drahtflechtindustrie bei Daun in der Eifel, S. 53

11 Korff, Gottfried: Wohnalltag in der Eifel, in: Rheinisches JahrbuchfürVolkskunde, 22. Jhrg., 1. Halbbd., 1977,3.121

12 Mertes, Alois: Neroth — Fundgrube der Wirtschafts- und Sprachgeschichte, in: Mosella, Heimatkundliche Blätter des Trierischen Volksfreundes für Eifel, Hunsrück, Mosel und Saar, 30. Jhrg., Nr. 4, September 1982, S. 1 und in: Mitteilungsblatt der Verbandsgemeinde Gerolstein 1983 Nr. 4 vom 29. 1. 1983, S. 6

13 Pesch, Dieter: Der Drahtwarenhersteller, in: Altes Handwerksgerät, Köln 1981, S. 35

14 Schug, Peter: Geschichte der zum ehemaligen kölnischen Eifeldekanat gehördenden Pfarreien der Dekante . . . Daun . . , Trier 1956, Neroth, 345, Fn. 9, S. 347

15 Sella, Gad Hugo: Ein Dorf mit jüdischer Vergangenheit, in: Mosella, a. a. O., 29. Jhrg., Nr. 2, August 1981, S. 4 und in: Mitteilungsblatt der Verbandsgemeinde Gerolstein vom 13. 3. 1982, S. 8

16 Schulchronik Neroth auf 1886

17 Strick, Wilhelm: Die Industrialisierung in der Eifel im 19. Jhdt., Inauguraldissertation Universität Köln WS 1924/25, S. 137

18 Wolf, Siegmund Andreas: Wörterbuch des Rotwelschen, Mannheim 1956, über Jenisch, S. 144

19 Wrede, Adam: Eifeler Volkskunde, Bonn 1924, Gewerbliches Schaffen S. 192; 1960 S. 274, über Jenisch S. 141

20 Zender, Matthias: Eifler Mundart und Dorfleben im 19. Jahrhundert — Nach Aufzeichnungen eines Auswanderers, in: Rheinisch-Westfälische Zeitschrift für Volkskunde 1974, S. 107f

Presse-Notizen:

21 8. 8. 1978 - Als die Nerother noch mit ihren Mausefallen durch die Welt zogen, in: Trierischer Volksfreund

22 - März 1980 — Das Hausgewerbe der Nerother Mausefallenmacher — Volkskundler des Landschaftsverbandes drehen Filmdokumentation, Pressedienst des Landschaftsverbandes Rheinland 9/29

23 18. 4. 1980 — Mit Mausefallen einst durch ganz Europa, Trierischer Volksfreund

24 28. 4. 1980 — Das Flechten von Mausefallen ist ein . aussterbendes Handwerk, Ruhr-Nachrichten Dortmund