Robert Domes: Nebel im August. Die Lebensgeschichte des Ernst Lossa.

Ich erfinde keine Texte, ich finde sie. Ich bin sicher, dass wir alle Geschichten, Gedichte, Romane, Drehbücher, Reportagen in uns tragen. So wie in Musikern alle Melodien stecken, in Malern alle Bilder, in Schauspielern alle Emotionen. Sie zu finden ist die ganze Kunst - und die schwerste zugleich.

Denn sie verlangt etwas, das in unserer Gesellschaft nicht gefragt ist:

Zulassen. Man könnte es auch Hingabe nennen. Dazu müssen wir zuerst die Kontrolle aufgeben. Das klingt esoterisch.

Aber die schönsten Dinge entstehen ohne Nachdenken und Kontrolle. Würden wir uns ständig überprüfen und überwachen, könnten wir nicht schlafen, nicht lieben, nicht tanzen, nicht genießen, keine Kinder würden gezeugt und keine geboren, keine Freundschaften würden geschlossen, keine Entdeckungen gemacht.

Wenn wir schreiben, entdecken wir die Geschichte. Wir waschen den Sand im Fluss und sieben die Goldkörner aus. Wir entfernen das Sediment, das sich darüber abgelagert hat.

Wir heben den Schatz.

Die Kunst besteht darin, die Blockaden zu überwinden, die Hemmungen auch wirklich abzulegen, nichts zu wollen, bereit zu sein. - Der Rest ist Handwerk.

Robert Domes

Nebel im August. Die Lebensgeschichte des Ernst Lossa ...

Ernst Lossas Kampf gegen die Euthanasie ...

Der Journalist Robert Domes hat in seinem Buch "Nebel im August" die wahre Geschichte des zwölfjährigen jenischen Jungen Ernst Lossa recherchiert. Die Nazis und ihr Euthanasie-Programm kosteten den Jungen das Leben. Sein Fall, so schreibt Domes, "steht exemplarisch für den perversen Rassen- und Auslesewahn im Hitler-Staat."

Der zwölf Jahre alte Ernst Lossa kam durch die Nazis und ihr Euthanasie-Programm zu Tode, vorher besorgte er Essen für die MitgefangenenDer zwölf Jahre alte Ernst Lossa kam durch die Nazis und ihr Euthanasie-Programm zu Tode, vorher besorgte er Essen für die Mitgefangenen. Seine Bilder seien klüger als er, sagte der Maler Gerhard Richter einmal, und sein Ölgemälde „Tante Marianne“ gab ihm auf beklemmende Weise Recht. 1965 in Unkenntnis der tatsächlichen biografischen Hintergründe gemalt, kam die ganze Geschichte, die Richters Bild erzählt, erst 2004 ans Licht. Die porträtierte Marianne Schönfelder, Richters Tante wurde, an Schizophrenie erkrankt, im Dritten Reich zwangssterilisiert und in Großschweidnitz kurz vor Kriegsende zu Tode gebracht.

Und ihr heute weltberühmter Neffe, stellte sich weiter heraus, hatte auch einen der Täter von damals gemalt: den tief in das Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten verstrickten Dr. Heinrich Eufinger, seinen eigenen Schwiegervater.

Ermordet mit Morphium-Scopolamin

Als das Porträt Marianne Schönfelders von Sotheby's versteigert wurde, schrieb der Journalist, der die unheimliche Geschichte des Gemäldes öffentlich gemacht hatte: „Tante Marianne“ sei das „Gesicht der Euthanasie“ – das Bild dürfe Deutschland nicht verlassen. Es tat es doch, kehrte aber 2007 zurück – als langfristige Leihgabe in die Dresdner Galerie Neuer Meister.

Ein zweites „Gesicht der Euthanasie“ ist das des Ernst Lossa, wie es den Leser von Robert Domes' soeben erschienenem Jugendbuch „Nebel im August“ anschaut. Die Fotografie, aufgenommen 1942 in der „Heilanstalt“ Kaufbeuren, zeigt einen zwölfjährigen Jungen, der zugleich jünger und viel älter wirkt. Zutiefst misstrauisch, aber auch vorsichtig hoffend schaut er in die Kamera, „eine Mischung aus Sehnsucht und Kampfeslust, Verlorenheit und Trotz, Pfiffigkeit und Melancholie, Neugier und Angst“, wie Autor Robert Domes schreibt. In jahrelanger Recherche hat der bayerische Journalist dem Schicksal Ernst Lossas nachgeforscht und nun eine Geschichte zu erzählen, die nicht minder entsetzlich und bestürzend ist als die Marianne Schönfelders.

Weder geistig noch körperlich behindert, wurde Ernst Lossa in der Nacht vom 8. auf den 9.August 1944 in der von Kaufbeuren mitverwalteten Nebenanstalt Kloster Irsee mit zwei Spritzen Morphium-Scopolamin ermordet. Seinen Henkern, die ihn zu „euthanasieren“ vorgaben, galt er als „asozialer Psychopath“. Lossa starb, weil er rebellierte Ernst Lossa wurde im selben Jahr wie Anne Frank – 1929 – geboren, anders als Anne Frank jedoch hat er kein Selbstzeugnis hinterlassen, das Auskunft über seine Gefühle gäbe. Andererseits ist, während sich Anne Franks Leidensweg in den letzten Monaten nur noch schwer nachverfolgen lässt, Lossas Schicksal durch die Nazi-Bürokratie teils akribisch dokumentiert. Zudem wurden die amerikanischen Befreier bald auf seinen Fall aufmerksam. Vier Jahre nach dem Krieg kam es in Augsburg zu einem Prozess, der mit heute unfassbar milden Strafen endete.

Wenn ich ihn nicht euthanasiert hätte“, sagte der Kaufbeurer Anstaltsdirektor Valentin Faltlhauser, zum Fall Ernst Lossa befragt, damals aus, „dann wäre er halt in eine andere Anstalt gekommen.“ Falthauser wurde zu drei Jahren Haft verurteilt.

Tatsächlich musste Ernst Lossa wohl auch deshalb sterben, weil er die Zustände in Kaufbeuren/Irsee wie kein anderer Insasse kannte und gegen sie rebellierte. Nachdem die sogenannte „Aktion T4“, in deren Rahmen die als „lebensunwert“ erachteten Patienten in Gaskammern ermordet wurden, 1941 abgebrochen worden war, hatte in Irsee und anderen Anstalten die sogenannte „wilde Euthanasie“ begonnen.

Unter anderem hatte man eine „Entzugskost“ eingeführt und viele Patienten systematisch verhungern lassen. Der angeblich „gemeinschaftsunfähige“ Ernst Lossa war daraufhin in eine Vorratskammer eingebrochen und hatte die gestohlenen Lebensmittel verteilt. Kind fahrender Restauratoren Danach, so hat es der Psychiater Michael von Cranach, der die Rolle der Psychiatrie im Nationalsozialismus seit Jahrzehnten erforscht und auch Domes' Roman angestoßen hat, formuliert, „bestand der Verwaltungsleiter“ auf Lossas „Tötung“.

In Domes' Roman „Nebel im August“ nimmt Ernst von den Mitinsassen Pfennigbeträge für das aus der Apfelkammer entwendete Obst. Domes ist in seiner Darstellung spürbar bemüht, keinen Widerstandshelden aus Ernst Lossa zu machen, sondern ihn zu beschreiben, als das, was er war: ein außergewöhnlich tapferer und im Übrigen ganz normaler Junge. Den Fakten folgend und nur die Lücken der Überlieferung mit den Mitteln der Vorstellungskraft füllend, beschreibt Domes das Leben Ernst Lossas mit großer Vorsicht und noch größerem Einfühlungsvermögen. So entsteht das Bild eines Jungen, der, in Zeiten des Rassenwahns, nie ein Leben hatte. Ernst, tatsächlich das Kind einer Familie von Jenischen, die ihr Auskommen als fahrende Restauratoren oder fliegende Händler suchten, galt den Nationalsozialisten als „Zigeunermischling“ und „Asozialer“.

Die Diagnose ist eine Farce Bereits mit vier Jahren kam er– die Mutter war schwer krank und starb bald darauf – in ein Waisenhaus, später beschrieb ihn ein Gutachten als „triebhaft“, „schwer auffällig“, „unerziehbar“, „diebisch“ und „selten stark abartig“– womit Ernsts Odyssee durch die „Heilanstalten“ begann. Dabei dienten Lossas kleine Diebstähle, wie Domes' Charakterisierung im Roman nahe legt, wohl vor allem der Schaffung dessen, was dieser Junge nie hatte: einer Privatsphäre. In kleinen Verstecken bewahrte Ernst auf, was nur ihm gehören sollte, diverse Schächtelchen und Kästchen waren sein „Platz“.

Die Diagnose „Psychopath“: eine Farce. „Der Fall Ernst Lossa“, schreibt Robert Domes, entlarve die Verlogenheit der Mörder, „er steht exemplarisch für den perversen Rassen- und Auslesewahn im Hitler-Staat“. Für Domes' Lebensgeschichte des Ernst Lossa gilt so, was Alexander Mitscherlich über die Nürnberger Ärzteprozesse schrieb: Die „Untaten waren von so ungezügelter und zugleich bürokratisch-sachlich organisierter Lieblosigkeit, Bosheit und Mordgier, dass niemand ohne tiefste Scham darüber zu lesen vermag.“

Entsetzlich auch das: Das Kind Ernst Lossa hatte, wie andere Euthanasie-Opfer mit ihm, 1944 lange durchschaut, was in Irsee vor sich ging. Er wusste, was ihm bevorstand und kannte seine Mörder. Am Tag vor seinem Tod gab er einem Pfleger eben jene Fotografie, die den Leser jetzt von Domes' ergreifendem Buch anschaut. Der Pfleger solle ihn doch bitte „schön einsargen“. „Zum Andenken“ hatte Ernst Lossa, damals 14 Jahre alt, auf das Bild geschrieben. Er wurde auf einer Wiese in Irsee verscharrt.

Nebel im August. Die Lebensgeschichte des Ernst Lossa ...

Zu beziehen bei:

Cbt/Cbj Verlag, München. 348 Seiten, 7,95 Euro.

Hier kann man das Buch bei Amazon bestellen, auch hier es kostet € 7,95,-

Nominiert für den H.d.J.i.E 2008 und Danksagung:

Robert Domes wurde für dieses Werk für den im Jahre 2008 erstmals zu verleihenden "Humanitätspreis der Jenischen in Europa" der U/J/M/E und Ihrer Partner nominiert.

Aber ganz egal ob er diesen Preis letzten Endes nun bekommt oder nicht haben wir Jenische diesem Mann für dieses wirklich sehr wichtige Werk zu danken. Und genau dies möchte Ich an diese Stelle für den Bundesverband und alle Mitgliedsverbände des J/B/i/D e.V., des I/J/I und nicht zuletzt auch im Namen der U/J/M/E auch ausdrücklich tun.

Mögen sich viele anderen ein Beispiel an Ihrer vorbildlichen Arbeit nehmen und damit der breiten Öffentlichkeit auch unsere Jenische Opfergruppe in das Bewusstsein schreiben denn nach wie vor sind wir die einzige bisher noch gänzlich ignorierte und oftmals auch verleugnete Holocaustopferguppe!

Das ist eine Schande für ein Deutschland und Europa des 21. Jahrhunderts!

Vielen herzlichen Dank für Ihr Engagement, Herr Domes!

Timo Adam Wagner
General-Sekretär des J/B/i/D e.V.