Thomas Sautner - Fuchserde .......

Thomas Sautner, geboren 1970 in Gmünd

Thomas Sautner Fuchserde
Roman 224 Seiten,
Leinen mit Schutzumschlag
ISBN 3-85452-498-6 ¤ 19,90
Waldviertel, sowie in Wien

Im Sog der Jenischen

Es ist die Geschichte einer Familie von Fahrenden, die Thomas Sautner in "Fuchserde" vor uns ausbreitet. Ein wenig fühlt man sich bei der Lektüre dieses Romans an episches Hollywood-Kino erinnert, an manchen Stellen wiederum an Grass‘ "Die Blechtrommel" oder Isabelle Allendes "Das Geisterhaus". Die Ausgangssituation der Geschichte ähnelt stark jener von den Kaschuben in den Feldern vor Danzig. Sautners Jenische leben auch in ihrer eigenen Welt, haben ihre eigene Sprache und ihre speziellen Verhaltensweisen, an denen sich alle Angehörigen dieses uralten Volkes sofort erkennen.Jahrhunderte lang zogen sie mit ihren Pferdewagen über die Lande, verdienten, was sie brauchten, durch den Verkauf von Pfannen oder Töpfen, durch das Schleifen von Scheren und Messern oder durch das Beschneiden von Bäumen. Dass sie von den Sesshaften scheel angesehen wurden, störte sie nicht weiter, denn mit dem nächsten Sonnenaufgang zog man schon wieder weiter. Doch die Kreise, welche die Jenischen ziehen konnten, wurden im Laufe der Jahre immer enger, und so erfährt auch der Jüngste der Sippe, dem in Sautners Roman die Geschichte seiner Familie erzählt wird, wie schon die Generationen davor immer wieder Versuchen ausgesetzt waren, die angestammten Lebensgewohnheiten aufzugeben.

Endgültig lebensbedrohlich wird dieser Druck, als die Nazis die Macht übernehmen und in ihrem Rassenwahn auch die Jenischen vernichten wollen. Die Kapitel über das Schicksal der Familie während der Nazizeit gehören zu den großen Stärken dieses Buches. Deutlich zeigt Sautner auf, dass nicht nur Juden und solche, die es in den Augen der Nazis waren, verfolgt und vernichtet wurden, sondern auch Roma, Sinti, Slawen und Menschen, die von den Nazis zu "Asozialen" erklärt wurden. An dieser Stelle gelingt dem in Gmünd geborenen Autor eine berührende Prosa, die den Leser von der ersten bis zur letzten Zeile gefangen nimmt und tiefes Mitgefühl entstehen lässt.

Erschütternd ist auch der Epilog der Geschichte, der zeigt, dass Missachtung, Unterdrückung und Verfolgung der Jenischen mit dem Untergang der Naziherrschaft nicht zu Ende gingen. Hier hält Sautner der Gesellschaft einen Spiegel vor, in den sie dringend einmal blicken müsste, gehört doch die Diskriminierung des "Fremden", des "Anderen" noch lange nicht der Vergangenheit an.

Diese beiden Aspekte sind es auch, die einen leicht über die Schwächen dieses Romans hinwegblicken lassen. An manchen Stellen geht mit Sautner das Hollywood-Pathos allzu sehr durch, es wird zu stark simplifiziert, und eine romantisierende Zeichnung obsiegt über die realistische Beschreibung. Auch die von Sautner eingeschobenen historischen Erklärungen sind zwar als Idee nett, in der Umsetzung jedoch ein wenig unbeholfen. Letztlich ist Sautners Wunsch, die Jenischen und ihre Kultur der Leserschaft nahezubringen, phasenweise so überdeutlich spürbar, dass ein wenig mehr Distanz seinem Anliegen einen größeren Dienst erwiesen hätte.

Trotzdem kann dieses Buches, vor allem dank seiner poetischen Momente, als ein gelungenes Debüt angesehen werden.

»Vor unseren Augen leben Menschen wie auf einem anderen Kontinent. Mit einer Kultur so alt wie die unsere - und in unserer langsam verschwindend: die Jenischen. Dieser außergewöhnliche Debütroman unternimmt das Abenteuer, diese Welt zu erforschen. Ein Buch voller Weisheit, berührend, humorvoll und unglaublich spannend.«

Robert Menasse

Über "FUCHSERDE":

Schon seit ihrer Kindheit ist Frida der charismatische Mittelpunkt einer großen Familie. Mit ihrer ungezähmten Art sorgt sie für Kopfschütteln bei den Bewohnern des kleinen Dorfes, in dem sie lebt. Kein Mann ist ihr recht, und kein Mann kann ihr widerstehen. Frida ist eine Jenische - Angehörige eines beinahe in Vergessenheit geratenen fahrenden Volkes. Es ist ein rau-romantisches Leben, das Frida und die Ihren führen, mit dem Sternenhimmel als Dach, geheimnisvollen Geschichten am Feuerplatz und einer Sprache, die den Sesshaften Rätsel aufgibt. Ihren Lebensunterhalt verdienen die Fahrenden noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts als Scherenschleifer, Besenbinder, Pfannenflicker, als Wahrsagerinnen oder als Kräuterfrauen. Sie fühlen sich frei wie der Wind. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten aber setzt eine dramatische Zäsur im Leben der Familie, die versucht, der Vernichtung zu entrinnen: mit Hilfe uralten Wissens, schier waghalsigem Humor und unbändiger Kraft.

Thomas Sautner erzählt die Geschichte zweier Familien, deren Schicksale durch die Liebe ihrer Kinder miteinander verknüpft werden und deren Alltag vom tiefen Verstehen der Natur geprägt ist, von wunderbaren Weisheiten und vom Leben mit den Jahreszeiten.