Der Nationalsozialismus im besetzten Europa! Was war das?

10 Jahre NS-Diktatur in Europa - Teil 1:

Nationalsozialismus ...

"Nationalsozialismus" - die Weltanschauung der maßgebend durch Adolf Hitler begründeten und organisierten Bewegung (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, Abkürzung NSDAP), die 1920-1932 in steigendem Maß Einfluss gewann, seit 1930 eine starke Partei war, 1933-1945 die Politik Deutschlands bestimmte und 1945 durch den Zusammenbruch des Deutschen Reichs ihr Ende fand.

Allgemeine Voraussetzungen:

Allgemeine Voraussetzungen für das Aufkommen und den Sieg des Nationalsozialismus waren die im 1. Weltkrieg, durch die Niederlage von 1918 und durch die Versailler Friedensbestimmungen verschärften Spannungen und Klassengegensätze im deutschen Volk („Republikverdrossenheit“, d. h. Gegnerschaft gegen Republik und Demokratie in bürgerlich-nationalen Kreisen), ferner die durch die Inflation hervorgerufene Zerrüttung des deutschen Sozialgefüges, die außenpolitischen Belastungen der Weimarer Republik und - mehr als alles andere - die Auswirkungen der → Weltwirtschaftskrise von 1929 auf Deutschland.

Darüber hinaus war der Nationalsozialismus als typische Massenbewegung eine Erscheinung der Zeit, die als nationalistisch-militante Reaktion auf den internationalen Sozialismus und Kommunismus und als Sonderform der auch in anderen Ländern praktizierten faschistischen Herrschaft verstanden werden kann (→ Faschismus). Obgleich der Nationalsozialismus im Lauf seiner Entwicklung auch Teile der Arbeiterschaft u. a. Schichten an sich zog, ist er doch hauptsächlich eine Bewegung des mittleren und des Kleinbürgertums gewesen, dem das Wesen der Demokratie fremd war und das im Nationalsozialismus seine letzte Hoffnung auf Überwindung seiner wirtschaftlichen Probleme und der inneren Schwierigkeiten Deutschlands sowie auf die Wiedergewinnung der äußeren Machtstellung des Reichs sah und mehr nach einer starken, autoritären Führung als nach Sicherung individueller Freiheitsrechte verlangte.

Die Anfänge der nationalsozialistischen Bestrebungen, die schon antisemitischen Charakter hatten, finden sich auf dem Gebiet der Donaumonarchie, aus dem Hitler stammte. Geistige Wegbereiter und Quellen seiner Entwicklung in Deutschland waren die mehr oder minder vergröberten und missverstandenen Ideen J. G. Fichtes (Geschlossener Handelsstaat), E. M. Arndts und F. L. Jahns (Volkstum), dann besonders J. A. de Gobineaus und H. St. Chamberlains Rassenlehren und die antisemitischen, antiklerikalen und großdeutschen Forderungen G. von Schönerers und der deutschvölkischen Bewegung, von der auch das Hakenkreuz als politisches Symbol übernommen wurde.

Dazu kommen Bruchstücke der Philosophie F. Nietzsches („Wille zur Macht“, Wendung gegen das Christentum), außerdem vieles aus dem antiliberalen Schrifttum der Zeit von A. Moeller van den Bruck (dem der dort anders gemeinte Begriff des „Dritten Reichs“ entnommen ist) bis zu E. Jünger („Totale Mobilmachung“ u. a.). Reichsgedanke und Preußentum wurden für die Zwecke des Nationalsozialismus innerlich umgedeutet. Staatspolitisches Vorbild war in vielem das faschistische Italien. Von ihm sind auch Äußerlichkeiten wie das einfarbige Hemd als Parteiuniform, der römische („deutsche“) Gruß, ferner das Modell der Parteimiliz (→ SA) und des „politischen Kämpfers“ übernommen.

Parteipolitische Entwicklung:

Die ersten Ansätze des Nationalsozialismus gehen auf die völkische großdeutsche Bewegung Schönerers zurück. Aus ihren Reihen wurde 1903 in Aussig die „Deutsche Arbeiterpartei“ gegründet, die sich seit Mai 1918 „Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei“ (DNSA) in Österreich nannte. Nach dem Untergang der Donaumonarchie bildete sich die „Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei“ in den Sudetenländern.

In Deutschland knüpfte die Entwicklung des Nationalsozialismus an die belanglose Splitterpartei an, die 1919 in München von dem Schriftsteller K. Harrer u. a. als „Deutsche Arbeiterpartei“ (ursprünglich „Deutscher Arbeiterverein“) gegründet wurde. Sie erhielt erst durch Hitler Auftrieb. Seit Anfang 1920 führte sie den Namen „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei“. Auf ihrer ersten Massenversammlung in München verkündete Hitler die 25 Thesen des Parteiprogramms, die mit ihren verschwommenen, in sich nicht widerspruchsfreien Forderungen vielen etwas boten:

Die wirtschafts- und sozialpolitischen Forderungen dieses Programms wurden (mit Ausnahme der Arbeitsbeschaffung) später beiseite geschoben und nach 1933 nicht verwirklicht.

Nachdem Hitler 1921 die Parteiführung in seine Hand gebracht hatte, verschaffte er sich mit der Einführung des „Führerprinzips“ die für ihre weitere Entwicklung entscheidenden diktatorischen Vollmachten. Eine seiner ersten Maßnahmen war die Gründung der SA als Saalschutz und Propagandatruppe. 1922 wurde der Jugendbund der NSDAP (Keimzelle der Hitler-Jugend) gebildet. Nachdem der „Hitlerputsch“ vom November 1923 gescheitert war, geriet die Bewegung zunächst in eine Krise, die aber mit der Neugründung der Partei durch Hitler nach seiner Rückkehr aus der Festungshaft in Landsberg überwunden wurde.

Ein Ergebnis dieses Rückschlags war auch die Umstellung der Parteipolitik von der Taktik der direkten Machteroberung (durch Gewalt) zur Taktik der legalen Machteroberung (durch den Stimmzettel). Mit der Aufstellung der SS seit 1925, der Bildung der Hitler-Jugend 1926 und der Errichtung einer Reihe berufsständischer Gliederungen wurde die Parteiorganisation in den nächsten Jahren immer weiter ausgebaut. Presse und Propaganda wurden 1929 J. Goebbels als Reichspropagandaleiter unterstellt. Doch konnte sich die Partei in den Wahlkämpfen dieser Jahre kaum durchsetzen (2. Reichstag 1924: 32, 3. Reichstag 1924: 14, 4. Reichstag 1928: 12 Sitze).

Erst seit der Weltwirtschaftskrise und der zunehmenden Arbeitslosigkeit begannen ihr die Massen zuzuströmen. In der Atmosphäre steigender politischer Spannungen, in der sich die Macht immer mehr auf die beiden extremen Flügel der Kommunisten und der Nationalsozialisten verlagerte und ihre paramilitärischen Parteitruppen sich mit Meuchelmord und Saalschlachten bekämpften, gewann die NSDAP seit dem Beginn der 1930er Jahre rasch an Anhängern; in den Reichstagswahlen vom September 1930 errang die NSDAP 107 von 577 Sitzen.

In den beiden Reichstagswahlen von 1932 erreichte die NSDAP jeweils etwa ein Drittel der Sitze (Stimmenrückgang bei der zweiten dieser Wahlen). In einzelnen Ländern errang sie jetzt bereits die absolute Mehrheit, in den meisten wurde sie die stärkste Parlamentspartei. Bei der Reichspräsidentenwahl 1932 erhielt Hitler 30% der abgegebenen Stimmen. Nach langwierigen Verhandlungen und Intrigen gelangte mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 der Nationalsozialismus in Deutschland zur Macht (→ Deutschland [Geschichte]).

Wesen und Ziele:

Wesen und Ziele des Nationalsozialismus sowie die Mittel und Methoden ihrer Verwirklichung haben im Parteiprogramm von 1920, in Hitlers „Mein Kampf“, in A. Rosenbergs „Mythus des 20. Jahrhunderts“ und in zahlreichen anderen Parteischriften ihren Niederschlag gefunden. Doch lebte der Nationalsozialismus vor allem aus emotionalen Kräften, nicht aus einem klar durchdachten Programm oder System. Daher auch sein dauernder Appell an Instinkt und Gefühl („Blut und Boden“) und seine betonte Verachtung des Intellekts und der Intellektuellen. - Höchstwerte des Nationalsozialismus waren Volk und Rasse, vorwiegend das eigene Volk „arischer“ Abstammung. Alle „nicht arischen“, besonders jüdischen Bestandteile wurden grundsätzlich und mit erbarmungsloser Konsequenz durch Massenmord!

“ausgemerzt“

(→ Juden); „rassisch Minderwertige“ wurden durch Unfruchtbarmachung ausgeschaltet und planmäßig ermordet (Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses; Euthanasie). Die „Volksgesundheit“ sollte durch eugenische, hygienische und soziale Maßnahmen geschützt und gesichert werden („Hilfswerk Mutter und Kind“, Kinderlandverschickung, Ehestandsdarlehen u. a.).

Der „Volksgemeinschaft“ wurde alles andere nach- und untergeordnet („Gemeinnutz geht vor Eigennutz“, „Recht ist, was dem Volke nützt“); „Staatsfeinde“ wurden daher ohne Rücksicht auf Recht und Gesetz verfolgt. Alle anderen Parteien und die Gewerkschaften wurden verboten und unterdrückt. Die Rechtsordnung wurde durch die Ausrichtung der Justiz auf den unbeschränkt Rechtsnormen setzenden Führerwillen zum Unrechtssystem. Auch im außenpolitischen Handeln heiligte der Zweck die Mittel. - Die Repräsentation des „gesunden Volksempfindens“ war die NSDAP und in ihr letztlich die Parteiführung, schließlich der „Führer“ selbst, dessen Entscheidungen als unfehlbar und unanfechtbar durchgeführt wurden. Der Staat war somit nur Organ des in der NSDAP verkörperten angeblichen „Volkswillens“ („Die Partei befiehlt dem Staat“). Er und seine Einrichtungen wurden daher nach der Machtergreifung „gleichgeschaltet“, häufig ausgeschaltet. Im Interesse einer möglichst straffen Konzentration und Steigerung der so gelenkten staatlichen Macht wurde das Reich als zentralistischer Einheitsstaat durchorganisiert, wobei alle eigenständigen Organisationen fielen (Beseitigung der Länderparlamente, der Selbstverwaltung der Gemeinden).

Die NSDAP durchdrang aber nicht nur den Staatsapparat, sondern alle Gebiete des öffentlichen, wirtschaftlichen, geistigen und privaten Lebens durch ein System von oben gesteuerter Organisationen (NS-Frauenschaft, NS-Dozentenbund u. Ä.). Ihr besonderes Augenmerk widmete die NSDAP der Gewinnung der Jugend, die in der Hitler-Jugend (Abkürzung HJ, mit dem Bund Deutscher Mädel, Abkürzung BDM) zusammengefasst und geschult wurde. Sie war die einzige staatlich anerkannte Jugendorganisation. - Der Anspruch der NSDAP war totalitär bis zur letzten Konsequenz. Sie bekämpfte daher alle individualistischen und liberalen Bestrebungen. An die Stelle der Meinungsbildung durch öffentliche Diskussion trat die Meinungsformung durch einen gewaltigen Propagandaapparat. Die Pressefreiheit wurde völlig unterdrückt, oppositionelle Zeitungen verboten oder gleichgeschaltet, das gesamte Pressewesen vom Reichspropagandaministerium (Reichspressekammer; Schriftleitergesetz) uniformiert. Auch wissenschaftliche Lehre und Forschung wurden kontrolliert.

Der Nationalsozialismus geriet auf diese Weise in notwendigen Konflikt mit allen Strömungen, die sich seinem geistigen Herrschaftsanspruch nicht unterwarfen, so besonders mit den Kirchen aller Konfessionen, zumal er auf alle christlichen und humanitären Ordnungsprinzipien glaubte verzichten zu können. Sie sollten durch das Ethos der „Volksgemeinschaft“ ersetzt werden, und von hier aus sollten alle konfessionellen und sozialen Gegensätze beseitigt, besonders auch die Lehre vom Klassenkampf überwunden werden. - Das soziale Gefüge des nationalsozialistischen Staates war daher nicht klassenmäßig, sondern stark ständisch bestimmt (Arbeitsfront, Reichsnährstand, berufsständische Kammern u. a.), ohne dass aber diesen Organen ein echtes korporatives Dasein eingeräumt wurde.

Die Wirtschaft wurde mehr und mehr in den Dienst der Wiederaufrüstung und der kriegswirtschaftlichen Maßnahmen gestellt und durch planwirtschaftliche Regelung (Vierjahresplan), Devisenkontrolle, Ein- und Ausfuhrsteuern u. Ä. gelenkt. Das freie Spiel der gesellschaftlichen Kräfte innerhalb der Wirtschaft wurde durch die autoritäre Organisation der Deutschen Arbeitsfront (DAF) unterbunden, so dass 1933-1945 jede nennenswerte Lohnsteigerung unterblieb. Erholung und zugleich politische Ablenkung der Arbeiter übernahm die Organisation Kraft durch Freude (KdF). Den Zwecken der staatlichen Wirtschaftspolitik und zugleich auch der Wiederaufrüstung diente besonders auch der Reichsarbeitsdienst (RAD), der nach und nach zu einer paramilitärischen Organisation wurde. Seine Einrichtung war der Auftakt zur Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht, in der der Nationalsozialismus von Anfang an eines seiner Hauptziele gesehen hatte. Auch die Wehrmacht geriet mehr und mehr in den Sog des Nationalsozialismus; sie wurde trotz innerer Widerstände, besonders mit ihrem schnell fortschreitenden Ausbau, geistig und personell immer mehr vom Nationalsozialismus durchsetzt und ihm seit den Ereignissen vom 30. Juni 1934 (dem sog. „Röhm-Putsch“), vom Februar 1938 (Entlassung von Generaloberst W. von Fritsch ) und vom 20. Juli 1944 (Attentat auf Hitler) vollständig unterworfen.

Der Aufrichtung und Erhaltung dieses Systems im Innern diente die völlige Durchdringung des Staatsapparats mit unbedingt zuverlässigen Parteibeamten, mit denen auch sonst alle Kommandostellen im geistigen, sozialen und wirtschaftlichen Leben besetzt wurden. Beherrschender und bezeichnender Faktor des nationalsozialistischen Staates wurden immer mehr die SS und die von ihr durchsetzten und beherrschten Organe ( Sicherheitsdienst [SD] und Gestapo ), vor deren Zugriff und Spitzelsystem schließlich niemand mehr sicher war und die durch willkürliche Verhaftungen und jede Art von Terror bei Untersuchungen und Vernehmungen einen lähmenden Schrecken verbreiteten. -

Solange die vom Nationalsozialismus hoch gepeitschten und straff organisierten Energien der Nation zur Erreichung von Forderungen eingesetzt wurden, die dem Wunsch und Wahn großer Teile des Volkes entsprachen, erreichte er außenpolitisch eine Reihe von Erfolgen, die manche Zweifel erstickten und ihm neue Anhänger gewannen, zumal auch innenpolitisch mit der Beseitigung der Arbeitslosigkeit eine Leistung erzielt wurde, die viele beeindruckte, und die Gräuel der Konzentrationslager und andere Ausschreitungen infolge der scharfen Kontrolle von Rundfunk und Presse nicht in vollem Umfang an die Öffentlichkeit drangen. Doch verstärkten gerade diese Erfolge die Maßlosigkeiten und die Selbstüberschätzung des Nationalsozialismus. Sie bestärkten ihn in seiner ursprünglich angelegten Verachtung von rechtsstaatlichen und völkerrechtlichen Normen. Mit der Besetzung der Tschechoslowakei im Frühjahr 1939 wurde der Weg einer imperialistischen Expansionspolitik beschritten, der schließlich 1945 zum Zusammenbruch Deutschlands führte.

Gegen das Fortleben oder Wiederaufleben der Ideologien und Organisationen des Nationalsozialismus wurden seitens der Siegermächte und im GG der Bundesrepublik Deutschland viele Vorbeugungsmaßnahmen getroffen, und die Verbreitung nationalsozialistischer Ideen und die Wiederaufrichtung von der NSDAP ähnlichen Organisationen sind unter Strafe gestellt. Die überlebenden Führer des nationalsozialistischen Systems wurden in den Nürnberger Prozessen zum Tod oder zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt, ein Teil seiner Anhänger durch die Entnazifizierung aus Ämtern und Stellungen entfernt und wirtschaftlich entmachtet. Neonazistische Bestrebungen fanden in der Bundesrepublik Deutschland trotzdem, obwohl auch zahlreiche KZ-Prozesse das ungeheure Ausmaß der Schuld des Nationalsozialismus vor allem an den Juden deutlich gemacht hatten, in einer Reihe, meist allerdings kleiner Parteien der Nachkriegszeit wieder einen Boden.

Neofaschismus

Neofaschismus im Besonderen die von den Anhängern des italienischen Faschismus ausgehenden Bestrebungen nach dem 2. Weltkrieg. Sie organisierten sich im 1946 gegründeten Movimento Sociale Italiano (MSI). 1947-1950 und 1969-1987 war G. Almirante, ehemaliger Propagandaminister in der faschistischen Republik von Salò (Norditalien 1943-1945), Parteisekretär des MSI. Er verfocht das Ideal einer autoritären Demokratie und knüpfte an Ideen Mussolinis an. Unter der Führung G. Finis entfernte sich der MSI in den 1990er Jahren von seinem früheren politischen Programm. 1995 wurde er endgütig aufgelöst und in die Alleanza Nazionale (AN) überführt. Neofaschismus wurde in der Folge mitunter auch allgemeine Bezeichnung für rechtsextreme Bewegungen in Ländern außerhalb Italiens, die an Faschismus bzw. Nationalsozialismus anknüpfen. In Deutschland werden die Aktivitäten solcher Gruppen deshalb auch als Neonazismus bzw. als Neonationalsozialismus bezeichnet.

Neonazismus

Neonazismus jene Form des Rechtsextremismus, die an den Nationalsozialismus oder an eine bestimmte Variante anzuknüpfen sucht. Die Anhänger des Neonazismus bzw. Neonationalsozialismus orientieren sich häufig am Ideengut des linken Flügels der NSDAP. In der Bundesrepublik Deutschland wies die 1949 gegründete Sozialistische Reichspartei stark neonazistische Züge auf. Sie wurde deshalb 1952 vom Bundesverfassungsgericht verboten. Der Neonazismus heute ist in sich vielfältig zersplittert. 2005 gehörten der Neonazi-Szene in Deutschland rund 4100 überwiegend in so genannten Kameradschaften organisierte Personen an.

Geistige Wegbereiter des Nationalsozialismus

Bereits vor 1918 gab es rechtskonservative und nationalistische Gruppen, die eine extrem antidemokratische Politik verfolgten. So trug der einflußreiche Alldeutsche Verband mit seinem propagandistischen Kampf gegen die junge Republik und seinem Eintreten für eine "nationale Diktatur" erheblich zur Vergiftung des politischen Klimas der Weimarer Republik bei. Zu völkischen Gruppierungen und Parteien wie der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) und der daraus hervorgegangenen Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) hatte der Alldeutsche Verband ebenso vielfältige Beziehungen wie zum militanten "Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund" oder zur deutschtümelnden Thule-Gesellschaft.

Aus der Thule-Gesellschaft gingen nicht nur spätere Nationalsozialisten wie Alfred Rosenberg und Gottfried Feder hervor, sondern in ihren logenartig aufgebauten Geheimorden wurden auch zahlreiche Anschläge gegen Repräsentanten der "verjudeten Republik" geplant. Als gravierendes Hindernis für den Aufbau einer demokratisch verfaßten Gesellschaft erwiesen sich zudem die zahlreichen paramilitärischen Wehr- und Kämpfverbände wie der "Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten" sowie die Freikorps, die nach Kriegsende gebildet wurden. Allen diesen Gruppierungen war die Forderung nach Gewinnung von " Lebensraum" und - mit stark antisemitischem Bezug - die "Zurückdrängung fremden Volkstums" gemein.

Neben diesen völkisch-antisemitischen Gruppierungen traten bei der Agitation gegen Republik und Demokratie vor allem jungkonservative Kräfte in Erscheinung, die auf eine Konservative Revolution hinarbeiteten. Sie suchten einen "dritten Weg" jenseits des wilhelminischen Obrigkeitsstaates und des demokratischen Verfassungsstaates und verstanden sich als Speerspitze einer jungen nationalistischen "Bewegung". Ihre Exponenten - etwa Arthur Moeller van den Bruck, Edgar Jung oder Oswald Spengler - forderten einen autoritären Staat, dessen Grundlagen von einem mythisch überhöhten Nationenbegriff bestimmt waren. Radikaler als die Jungkonservativen waren die Vertreter des Revolutionären Nationalismus. Zu den führenden Exponenten dieser Geisteshaltung zählten Ernst Jünger sowie sein Bruder, Friedrich Georg Jünger (1898-1977), und Karl Otto Paetel. Vor allem Ernst Jünger verstand es, seinen aus dem "Fronterlebnis" gespeisten Nationalismus mit einer polemisch zugespitzten Verhöhnung der Weimarer Republik zu verbinden und den Krieg als mythisches Naturereignis zu verklären. Gegen Republik und Demokratie zielten auch die Bücher von Edwin Erich Dwinger. Seine kriegsverherrlichenden Landserromane erschienen in ungewöhnlich hoher Auflage und hatten eine erhebliche popularisierende Wirkung.

Neben der gesellschaftlichen und sozialen Ausformung wurden vor allem die verfassungsrechtlichen Grundlagen der Weimarer Republik zum Ziel radikaler Angriffe. So erhob Carl Schmitt, der führende Staatsrechtler der Weimarer Republik, in seiner Staatsrechtslehre die Forderung nach einem repressiven Staat totalitärer Prägung. Aus seiner Ablehnung der Parteienzersplitterung entwickelte Schmitt eine autoritäre Staatslehre, die letztlich den nationalsozialistischen Führerstaat vorweggenommen und juristisch legitimiert hat. Neben Schmitt forderte auch der Ökonom Othmar Spann eine radikale Umformung der demokratischen Verfassungsgrundlagen. Mit seinem Eintreten für einen autoritären Ständestaat und gegen die "Gleichmacherei" der Demokratie war Spann für die Ideenwelt der nationalsozialistischen "Bewegung" jedoch nur vorübergehend von Bedeutung.

Doch nicht nur von rechtskonservativer Seite wurde der Verbreitung antidemokratischer und nationalistischer Ideen geleistet. Auch Personen, die wie Ernst Niekisch einen Nationalbolschewismus propagierten, bekannten sich zu einem autoritären Staat. Durch die Synthese von extremem Nationalismus und revolutionär-sozialistischen Elementen befanden sich Teile nationalbolschewistischer Gruppen zeitweise in ideologischer Nähe zum linken Flügel der NSDAP um Gregor Strasser und Ernst Röhm.

Hier findet man ausführliche Informationen zu den Geistigen Wegbereitern des NS-Wahnsinns ...

Nur wenige zweifelten am Abend des 30. Januar 1933 daran, daß die Republik von Weimar tot war, aber von der Zukunft herrschten unterschiedliche Vorstellungen. Leidenschaftliche Erregung fand sich am "Tag der Machtübernahme" nur bei den Anhängern der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP). Die Öffentlichkeit dagegen verhielt sich weniger bewegt, als das die schnell anlaufende Propagandamaschinerie der neuen Regierung wahrhaben wollte; der britische Botschafter meldete aus Berlin, die Presse habe "die Ernennung des Herrn Adolf Hitler zum Reichskanzler mit beinahe philosophischer Ruhe hingenommen".

Die Wendung zum autoritären Regime 1933 war nichts Unerhörtes; seit dem ersten Präsidialkabinett von 1930 hatte man sich daran gewöhnt, daß es eine parlamentarische Kontrolle der Politik kaum gab, und sah man sich in Europa um, dann erblickte man in den meisten Fällen ähnliches. Worin Hitler in der Öffentlichkeit völlig falsch eingeschätzt wurde, war, daß er eben kein Politiker, sondern Ideologe und Revolutionär war, daß die herkömmlichen Kategorien der europäischen Politik ihm fremd und gleichgültig waren und daß er letztlich nur ein Ziel besaß: den Krieg zur Errichtung der Weltherrschaft.

Ein Kesseltreiben gegen Minderheiten, die nicht dem "arischen" Ideal entsprachen, eine Uniformierung und Gleichschaltung mit dem Anspruch, alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens mit nationalsozialistischer Ideologie zu durchdringen, sowie das Bemühen, Deutschland möglichst schnell für den beabsichtigten Eroberungskrieg aufzurüsten, waren die wesentlichsten Merkmale der NS-Herrschaft. Das abgestimmte Zusammenspiel von Terror und Propaganda, aber auch die Erfolge in der Außenpolitik , die der Weimarer Republik in diesem Ausmaß von den Ententestaaten nicht konzertiert wurden, trugen ebenso wie die sich erholende Weltwirtschaft dazu bei, daß die Bevölkerung das NS-Regime im großen und ganzen akzeptierte. Der Verlust persönlicher Freiheitsrechte wurde durch den Zugewinn nationaler Souveränität kompensiert.

Allerdings fanden einzelne Maßnahmen, wie etwa der im Rahmen des staatlichen Antisemitismus verhängte Boykott jüdischer Geschäfte im April 1933, die Nürnberger Gesetze 1935 oder die Reichspogromnacht am 9. November 1938 in der Bevölkerung nicht nur die von der NS-Führung gewünschte und erwartete Zustimmung. Die zum Teil unverhohlene Ablehnung trug dazu bei, daß die Ermordung von Millionen von Juden ab 1942 nicht vor den Augen der Bevölkerung, sondern im eroberten Osten stattfand. Aber es gab auch von Anfang an fundamentalen Widerstand gegen den Nationalsozialismus.

Dieser Widerstand wurde von weltanschaulich ausgesprochen unterschiedlichen Gruppen getragen und reichte von passiver Resistenz bis zum Attentat. Viele Gegner des Nationalsozialismus sahen sich angesichts persönlicher Verfolgung bald zur Emigration gezwungen, andere zogen die "innere Emigration" vor. Doch sowohl die Anhänger und Mitläufer des NS-Regimes als auch deren Opfer und Gegner verkannten in aller Regel die dem Nationalsozialismus innewohnende Dynamik und Skrupellosigkeit, vor allem aber dessen sozialrevolutionäre Stoßkraft. Selbst die "nationalen Kreise", die Hitler und die NSDAP an die Regierung gebracht hatten, sahen sich zum Teil nur wenig später in der Rolle von Opfern.

Dabei gab es in der am 30. Januar 1933 gebildeten "Regierung der nationalen Erhebung" zunächst nur zwei weitere Nationalsozialisten: den Innenminister Wilhelm Frick und den anfangs ohne eigenen Geschäftsbereich amtierenden Hermann Göring, der jedoch zugleich das überaus wichtige preußische Innenministerium kommissarisch leitete. Die restlichen, deutschnational-konservativen Minister sollten nach der Vorstellung des Reichspräsidenten die Regierungspolitik maßgeblich beeinflussen, um eine "einseitige Parteidiktatur" der NSDAP zu verhindern.

Doch schon kurz vor der offiziellen Amtsübergabe spielte der Populist Hitler seinen Koalitionspartner Alfred Hugenberg erstmals aus. Entgegen früheren Abmachungen bestand Hitler auf Neuwahlen: Der Reichstag wurde aufgelöst, und da von kommunistischer Seite zum Generalstreik aufgerufen worden war, unterzeichnete Reichspräsident Paul von Hindenburg eine Notverordnung "zum Schutz des deutschen Volkes", mit der politische Gegner nun radikal, aber legal unterdrückt werden konnten. Zugleich wurden der Beamtenapparat, die Verwaltung und die Polizei großflächig "gesäubert".

Aus den "nationalen Verbänden", Sturmabteilung (SA), Schutzstaffel (SS) und Stahlhelm, rekrutierte Göring in Preußen 50.000 Freiwillige als "Hilfspolizisten" und rief im "Schießbefehl" vom 17. Februar 1933 zum "fleißigen Gebrauch der Schußwaffe" auf. Als dann am 27. Februar 1933 der Reichstag brannte, ordnete Göring umgehend die Verhaftung aller führenden Funktionäre der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) an. Bereits am nächsten Tag erwirkte die Regierung eine Notverordnung "zum Schutz von Volk und Staat", mit der noch bestehende Grund- und Verfassungsrechte außer Kraft gesetzt wurden. Schon kurz nach dem Reichstagsbrand waren rund 10.000 Personen verhaftet und zum Teil in "wilden" Konzentrationslagern interniert, vor allem Kommunisten, aber auch "Juden und andere Regimegegner". Trotz des staatlichen Terrors kam die NSDAP bei der Reichstagswahl am 5. März nur auf 43,9 Prozent aller Stimmen, zusammen mit dem Koalitionspartner Deutschnationale Volkspartei (DNVP) auf knapp 52 Prozent.

Der nächste Schritt in Richtung einer Führer-Diktatur war das am 23. März verabschiedete "Ermächtigungsgesetz", das Reichstag und Reichsrat von der Gesetzgebung ausschloß. Gegen das "Ermächtigungsgesetz" stimmte nur die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), die sich auch durch den von Joseph Goebbels zwei Tage zuvor als "Rührkomödie" inszenierten "Tag von Potsdam" nicht blenden ließ. Noch im März begannen die Zerschlagung des sozialdemokratischen Reichsbanner und die Gleichschaltung der Länder. Die Gewerkschaften, deren jahrzehntelange Forderung, den 1. Mai zum gesetzlichen Feiertag zu erklären, Hitler demonstrativ umgesetzt hatte, wurden aufgelöst und wenig später der Deutschen Arbeitsfront (DAF) eingegliedert. Anfang Juli 1933 waren alle Parteien mit Ausnahme der NSDAP aufgelöst und der Einparteienstaat errichtet. Rund fünf Monate nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler war die "Machtergreifung" im wesentlichen vollzogen.

Während die nationalsozialistische Führung zunächst darauf bedacht war, die eroberten Machtpositionen zu sichern, forderte die SA, deren Straßenterror entscheidend zur Eroberung der Macht beigetragen hatte, ihren Tribut und drängte zu einer weiteren, zur "sozialen" Revolution. Doch Hitler war schon seit längerem entschlossen, die SA als politischen Machtfaktor auszuschalten und dadurch die für seine Expansionspläne unabdingbare Reichswehr stärker an sich zu binden. Am 30. Juni 1934 exekutierten SS-Kommandos, unterstützt von der Reichswehr, die führenden SA-Mitglieder, aber auch "Verräter" wie Gregor Strasser und politische Gegner wie Erich Klausener (1885-1934). Obwohl mit Kurt von Schleicher, dem letzten Reichskanzler vor Hitler, und Ferdinand von Bredow (1884-1934) im Zuge der "Röhm-Affäre" auch zwei hohe Reichswehrgenerale umgebracht worden waren, ordnete Reichswehrminister Werner von Blomberg unmittelbar nach dem Tod Hindenburgs am 2. August 1934 die Vereidigung der Reichswehr auf die Person des "Führers und Reichskanzlers" an. Mit dieser Eidesformel hatte sich die Reichswehrführung freiwillig Hitler unterworfen. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 verursachte der auf die Person Hitlers geleistete Eid angesichts der im Osten unübersehbaren, rassistisch begründeten Ausrottungspolitik bei vielen zum Widerstand tendierenden Reichswehroffizieren schwer lösbare Gewissenskonflikte.

Hatten Terror und Propaganda maßgeblich zur Eroberung der Macht beigetragen, so profitierte das NS-Regime nach 1933 auch von der sich wieder belebenden Weltwirtschaft. Der immense Arbeitskräftebedarf für die Aufrüstung, aber auch die Fortführung von bereits vor 1933 ausgearbeiteten Programmen zur Arbeitsbeschaffung reduzierten die Zahl der Arbeitslosen ebenso wie etwa die Ehestandsdarlehen, mit denen Frauen gezielt dem Arbeitsmarkt entzogen wurden. Zahlreiche, mit großem Propagandaaufwand durchgeführte Kampagnen des Winterhilfswerks (WHW) gegen Hunger und Armut oder die Angebote der NS-Volkswohlfahrt vermittelten der Bevölkerung das Gefühl einer solidarischen Volksgemeinschaft. Zahlreiche NS-Organisationen prägten entschieden das Alltagsleben der Deutschen jeglichen Alters. Für Kinder und Jugendliche wurde 1936 die Zwangsmitgliedschaft in der Hitler-Jugend (HJ) eingeführt. Eine spezifische NS-Frauenpolitik mit der Idealisierung der Mutterschaft wurde den Frauen im Deutschen Reich insbesondere durch die NS-Frauenschaft nähergebracht. Die Mitgliedschaft in den NS-Organisationen bot jetzt bislang kaum vorstellbare Möglichkeiten zum Aufstieg, der nicht immer so extrem verlief wie bei Heinrich Himmler: 1936 unterstanden dem 35jährigen "Reichsführer SS", alle Konzentrationslager sowie die gesamte deutsche Polizei.

Mit Rückgang der existenzbedrohenden Arbeitslosigkeit und durch populäre Organisationen wie "Kraft durch Freude" (KdF) oder durch einen ausgeprägten Kunst- und Kulturbereich erhöhte sich die Akzeptanz des Dritten Reichs, dessen außenpolitische Erfolge unübersehbar waren: Die "Heimkehr der Saar", das kurz nach Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht abgeschlossene Flottenabkommen mit Großbritannien, der Einmarsch ins entmilitarisierte Rheinland, die auch im Ausland bewunderte Organisationsleistung bei den Olympischen Spielen 1936, der "Anschluß" Österreichs sowie die auf der Münchner Konferenz im September 1938 von Großbritannien, Frankreich und Italien sanktionierte Rückführung sudetendeutscher Gebiete waren die herausragendsten Etappen auf dem Weg zum gleichberechtigten Partner der Siegermächte des Ersten Weltkriegs. Als deutsche Truppen dann im März 1939 in die Tschechoslowakei und ins Memelgebiet einmarschierten und Hitler die Rückgabe Danzigs sowie den Bau einer exterritorialen Autobahn und einer Eisenbahnlinie durch den polnischen Korridor forderte, verkannte er im Triumph über seine bisherigen Erfolge die Grenzen der Appeasement-Politik Englands und Frankreichs. Beide Staaten gaben eine Garantieerklärung für die Unabhängigkeit Polens. Wie zielstrebig sich Deutschland auf den Krieg vorbereitete, zeigt der Anteil der Rüstungsausgaben an den Reichsausgaben: Er stieg von 8,2 Prozent (1932) über 39,3 Prozent (1934) auf 61 Prozent (1938). Was Hitler beabsichtigte, hatte er dem Völkerbundkommissar in Danzig, Carl Jacob Burckhardt, am 11. August 1939 gesagt: Alles, was er wolle, sei Rußland zu unterwerfen; sei der Westen aber nicht bereit, ihn darin zu unterstützen, werde er sich mit Rußland verständigen, den Westen schlagen und sich anschließend gegen die Sowjetunion wenden.

Etablierung der NS-Herrschaft

Als am Abend des 30. Januar 1933 Anhänger der Nationalsozialisten den lang ersehnten "Tag der Machtübernahme" mit Fackelzügen durch das Brandenburger Tor feierten, markierten die triumphierenden Kundgebungen auch symbolisch das Ende der Weimarer Republik. Wenige Stunden zuvor hatte Reichspräsident Paul von Hindenburg den Vorsitzenden der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), Adolf Hitler, zum neuen Reichskanzler ernannt. Hitlers Absicht, eine von jeder Kontrolle durch den Reichstag befreite, autoritäre Regierung zu etablieren, die das von vielen Deutschen empfundene "demokratische Chaos" der Weimarer Jahre überwinden sollte, verwirklichten die Nationalsozialisten innerhalb kürzester Zeit. Unter Wahrung des Anscheins verfassungsmäßiger Legitimität verstanden sie es, politische Gegner auszuschalten und sich der staatlichen Machtinstrumente zu bemächtigen. Als diese "nationale Erhebung" im Sommer 1934 ihren Abschluß fand, waren Demokratie und Pluralismus in Deutschland zerstört, ohne daß es zu nennenswerter Gegenwehr gekommen wäre.
In Hitlers Kabinett der "nationalen Konzentration" waren mit Reichsinnenminister Wilhelm Frick und Hermann Göring als Minister ohne Geschäftsbereich zunächst nur zwei weitere Nationalsozialisten vertreten. Acht deutschnational-konservative Regierungsvertreter besaßen das Übergewicht, durch die sich Vizekanzler Franz von Papen eine "Zähmung" der Nationalsozialisten versprach.

Dem illusorischen Zähmungskonzept wurden bereits mit der von Hitler geforderten Reichstagsauflösung am 1. Februar 1933 sowie mit der notwendigen Neuwahl des Reichstags die Grundlagen entzogen. Nunmehr vom Regierungsbonus begünstigt, begann die NSDAP unter der Parole "Kampf dem Marxismus" einen Wahlkampf staatlich sanktionierten Terrors gegen die Opposition, allen voran gegen die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) und die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD).

Mit Reichsinnenminister Frick und Göring als kommissarischem preußischem Innenminister waren zwei Schaltstellen der Macht mit Nationalsozialisten besetzt, die über die Polizeigewalt verfügten. Der preußischen Polizei verordnete Göring sogleich in einem "Schießerlaß" vom 17. Februar den rücksichtslosen Gebrauch der Schußwaffe gegen alle politischen Gegner. Von ihm fünf Tage später in Preußen aufgestellte Hilfspolizeiverbände aus 50.000 Angehörigen der Sturmabteilung (SA), der Schutzstaffel (SS) sowie des "Stahlhelms", die ihre Uniformen mit einer "amtlichen" weißen Armbinde versahen, nahmen bis Ende April 1933 ca. 25.000 Regimegegner in "Schutzhaft". Noch im Frühjahr 1933 begannen SA und SS mit der Errichtung erster Konzentrationslager (KZ) in Dachau und Oranienburg.

Den entscheidenden gesetzlichen Rahmen für die Verfolgung politischer Gegner und die gleichzeitige Festigung uneingeschränkter Machtverhältnisse bildete für die Nationalsozialisten die Reichstagsbrandverordnung vom 28. Februar 1933. Die einen Tag nach dem Reichstagsbrand vom Reichspräsidenten unterzeichnete Notverordnung setzte die verfassungsmäßigen Grundrechte der persönlichen Freiheit, der Meinungs-, Vereins- und Versammlungsfreiheit außer Kraft. Über das Deutsche Reich wurde auf scheinbar legalem Weg ein permanenter, während des NS-Regimes nie aufgehobener Ausnahmezustand verhängt.

In diesem Klima der Rechtsunsicherheit besaß die Reichstagswahl vom 5. März 1933 keinerlei freien Charakter. Gemessen an dem hohen Maß an Einschüchterung und propagandistischer Beeinflussung waren die 43,9 Prozent für die NSDAP eine tiefe Enttäuschung. Nur zusammen mit den acht Prozent der "Kampffront Schwarz-Weiß-Rot" aus Deutschnationaler Volkspartei (DNVP) und "Stahlhelm" erreichte die NSDAP eine parlamentarische Regierungsmehrheit im Reichstag.

Die Nationalsozialisten bauten bei der Etablierung des NS-Regimes neben dem allgegenwärtigen Terror vor allem auf ihre Propaganda, die Emotionen befriedigte und eine verführerische Faszination ausübte. Hakenkreuzfahnen prägten nach dem 30. Januar 1933 das öffentliche Straßenbild. Riesige Parteiaufzüge und Aufmärsche sollten Zustimmung für die von der NSDAP propagierte "nationalsozialistische Revolution" entfachen. Broschüren, Postkarten und Plakate mit dem Konterfei Hitlers begründeten einen Personenkult bisher unbekannten Ausmaßes. In Huldigungen wurde er als "Retter des Vaterlands" gefeiert. Immer wieder beschwor der am 13. März 1933 zum Reichspropagandaminister ernannte Joseph Goebbels zudem öffentlich das "Dritte Reich", das Tradition und Machtanspruch des untergegangenen Kaiserreichs fortsetzen und die Demütigungen des Versailler Vertrags von 1919 revidieren würde.

Symbolisch reichte das neue, das nationalsozialistische Deutschland dem Kaiserreich beim von Goebbels äußerst erfolgreich inszenierten " Tag von Potsdam" am 21. März 1933 die Hand, als sich Hitler in dunkler Zivilkleidung ehrfurchtsvoll vor Reichspräsident von Hindenburg in kaiserlicher Uniform verneigte. Im In- und Ausland verfehlte diese Geste nicht ihre Wirkung.

Auf den Wogen nationaler Euphorie vollendete Hitler zwei Tage später sein nächstes Vorhaben. Mit 444 zu 94 Stimmen nahm der Reichstag inmitten drohender SA-Verbände das " Ermächtigungsgesetz" an, mit dem die Regierung Gesetze ohne Reichstag und Reichsrat verabschieden konnte. Alle anwesenden SPD-Abgeordneten hatten die Selbstentmachtung des Parlaments abgelehnt, die Abgeordneten der KPD waren verhaftet oder bereits im Untergrund. Die Ablehnung des Gesetzes durch die SPD bestätigte die konservativen Parteien in ihrer Auffassung, auf der richtigen, auf der "antibolschewistischen" Seite unter Führung der NSDAP zu stehen. Viele Deutsche glaubten ernsthaft an die Gefahr eines sozialistischen Aufstands. Daß mit der Ausschaltung organisatorischer Strukturen der Linken durch die Zerschlagung der Gewerkschaften und durch die Errichtung des Einparteienstaats im Sommer 1933 eine vermeintlich feste "nationale Ordnung" herrschte, entsprach grundsätzlich auch ihren Wünschen.

Die rasante Besetzung von wichtigen Schlüsselpositionen im Staat durch Angehörige der NSDAP förderte das " Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7. April 1933, welches die Entlassung aller im Sinne der neuen Machthaber politisch unzuverlässigen oder jüdischen Beamten ermöglichte.

Die staatlich sanktionierte Verfolgung der als rassisch minderwertig diffamierten Juden hatte unmittelbar mit Beginn der Machtübernahme eingesetzt. Mit dem " Arierparagraph" erhielt zum ersten Mal ein verordneter Antisemitismus Eingang in Gesetze. Bereits Anfang April 1933 kam es zu ersten Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte und Einrichtungen. Bis Frühjahr 1934 verließen rund 37.000 Juden das Land, die meisten blieben jedoch trotz Verfolgung und Repressalien in Deutschland.

Ab Frühjahr 1933 waren nahezu alle Lebensbereiche einer erzwungenen Gleichschaltung unterworfen. Die Gleichschaltung der Länder sowie die ideologische und organisatorische Ausrichtung aller politischen und gesellschaftlichen Institutionen, Verbände und schließlich jedes einzelnen Bürgers auf die Weltanschauung und Ziele des Nationalsozialismus sollte die Meinungsvielfalt rigoros beseitigen. Eine von nationalsozialistischen Studenten und Professoren initiierte Kampagne "gegen den undeutschen Geist" gipfelte in der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933. Mit der Durchdringung und Kontrolle der Bevölkerung forcierte die NSDAP ihren Drang nach totaler Macht. Zwangsweise überführt wurden die gleichgeschalteten Verbände in riesige, der NSDAP angeschlossene Einheitsorganisationen wie die Deutsche Arbeitsfront (DAF) oder NS-Volkswohlfahrt (NSV).

Die von den Nationalsozialisten als "undeutsch" empfundene pluralistische Gesellschaft sollte durch eine solidarische Volksgemeinschaft ersetzt werden, die durch das Winterhilfswerk (WHW) oder Kraft durch Freude (KdF) massenwirksam inszeniert wurde. Für Behinderte oder "Asoziale" gab es in der Volksgemeinschaft keinen Platz. Das am 14. Juli 1933 beschlossene " Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" erlaubte die Zwangssterilisation, wenn mit großer Wahrscheinlichkeit Nachkommen mit schweren körperlichen oder geistigen Schäden zu erwarten waren.

Ihr charakteristisches Strukturelement erhielt die Volksgemeinschaft durch das "Führerprinzip", das die Einheit von Volk und Führer postulierte sowie unbedingte Treue und Gehorsam forderte. Von Teilen der auf knapp vier Millionen Mitglieder angeschwollenen SA wurde die Gefolgschaft im Frühjahr 1934 allerdings in Frage gestellt. Die SA hatte für die NSDAP bei der Festigung der politischen Macht unverzichtbare Dienste geleistet. Doch die Erwartung der SA-Führung, durch die "nationalsozialistische Revolution" in führende Stellungen des neuen Staats zu gelangen, erfüllte sich nicht.

Exponent der Unzufriedenheit war der Stabschef der SA, Ernst Röhm. Mit der Parteiarmee im Rücken forderte er eine "Zweite Revolution", um die SA zur dominierenden Kraft in Staat und Gesellschaft zu machen. Seine Vorstellung von der SA als Kern der bewaffneten Macht in Deutschland bedrohte die von Hitler im Februar 1933 zugesicherte Unabhängigkeit der Reichswehr. Als die internen Machtkonflikte eskalierten, nutzte Hitler im Bündnis mit der Reichswehrführung und der SS einen angeblich geplanten Röhm-Putsch, um die SA-Führung sowie konservative Opponenten wie den letzten Reichskanzler der Weimarer Republik, Kurt von Schleicher, am 30. Juni 1934 ermorden zu lassen.

Mit seinem entschlossenen Vorgehen besänftigte Hitler nicht nur eine durch Übergriffe und Machtmißbrauch der SA verbreitete Mißstimmung in der Bevölkerung. Der Reichswehr versicherte er sich als eines zuverlässigen Verbündeten. Nach dem Tod Hindenburgs und der Auflösung des Reichspräsidentenamts am 2. August 1934 bot die Armeeführung Hitler an, den Schwur auf ihn persönlich als "Führer und Reichskanzler" zu leisten. Die weitreichende Bedeutung des Treueids im Zweiten Weltkrieg, als er Offiziere davon abhielt, gegen Hitler aktiv zu werden, war 1934 noch nicht abzusehen. Der Schwur festigte Hitlers totalitäre Führerdiktatur endgültig. Potentielle Gegner waren verhaftet, ermordet oder in der Emigration. Seinen "Führerwillen" gedachte Hitler nicht durch geschriebene Normen einer neuen, wenn auch nationalsozialistisch ausgerichteten Verfassung binden zu lassen. Das "Führerwort" besaß Gesetzeskraft. Institutionell zwar völlig irrelevant, existierte die Weimarer Verfassung bis zur deutschen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg formal weiter.

NS-Innenpolitik

Als Adolf Hitler auf dem Reichsparteitag der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) im September 1934 den Abschluß der "nationalsozialistischen Revolution" verkündete, hatte sich das politische, gesellschaftliche und kulturelle Leben in Deutschland in nur 20 Monaten tatsächlich nahezu revolutionär verändert. Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 und ihrer Machtübernahme etablierten die Nationalsozialisten durch Terror und Propaganda bis Sommer 1934 ihre uneingeschränkte Macht im Deutschen Reich. Wer dem Führungsanspruch der Nationalsozialisten nicht Folge leisten wollte oder aber ihrem Rassenideal nicht entsprach, der hatte keinen Platz in der von ihnen propagierten Volksgemeinschaft.
Letzte Kritik innerhalb der nationalsozialistischen Bewegung beseitigte Hitler mit der Ermordung der Führung der Sturmabteilung (SA) im sogenannten Röhm-Putsch im Juni 1934.

Ihrer direkten Konkurrenz als bewaffnete Macht im Staat entledigt, machte sich schließlich auch die traditionsbewußte Reichswehr mit dem noch am Todestag von Reichspräsident Paul von Hindenburg am 2. August 1934 angebotenen Eid auf Hitler persönlich zu einem Instrument der NS-Führung. Nach Hindenburgs Tod vereinigte Hitler durch das "Gesetz über das Oberhaupt des Deutschen Reiches" vom 1. August 1934 zudem die Ämter von Reichspräsident und Reichskanzler in seiner Person. Damit gab es keine verfassungsrechtliche Institution mehr, die seine Stellung auch nur formal hätte einschränken können. In einer Volksabstimmung ließ sich Hitler am 19. August 1934 seine absolute Macht zusätzlich durch Volkswillen "bestätigen": 89,9 Prozent der Wähler stimmten für die Vereinigung der Ämter des Staatsoberhaupts und des Reichskanzlers.

Die Menschen in Deutschland hatten anschließend nur noch wenig Gelegenheit für einen Gang zur Wahlurne, um den Willen der NS-Führung durch Abstimmungen ohne jeglichen demokratischen Charakter zu "legitimieren": Am 29. März 1936 erhielt die Einheitsliste der NSDAP bei sogenannten Reichstagswahlen nach offiziellem Ergebnis 99 Prozent der Stimmen, ebenso viele Wähler stimmten bei der Volksabstimmung am 10. April 1938 für den "Anschluß" Österreichs. Nach der Besetzung des Sudetenlands fanden dort am 4. Dezember 1938 Ergänzungswahlen zum Reichstag statt. Der Reichstag als Repräsentationsorgan des Volkes war im NS-Regime allerdings ohne Funktion und wurde nur noch selten einberufen. Er diente lediglich der Akklamation von Entscheidungen der NS-Führung.

Die NS-Führung besaß keine durch Gesetze und Erlasse gefestigte Form. Hitler allein bestimmte die Grundlinien der Politik, das "Führerwort" besaß Gesetzeskraft. Im NS-Regime trat eine von formellen und institutionellen Zwängen entbundene Führergewalt an die Stelle der traditionellen Staatsgewalt. Ohne die vor 1933 üblichen förmlichen Festlegungen und Beschlußverfahren veränderte sich auch die Funktion des Kabinetts, dessen Sitzungen immer seltener stattfanden und nach Februar 1938 schließlich ganz wegfielen. Die Regierungsressorts standen ab 1937 mit Hitler durch den Chef der Reichskanzlei, Hans Heinrich Lammers (1879-1962), in Verbindung, der im Rang eines Reichsministers ohne Geschäftsbereich die Regierungsgeschäfte betreute und zu koordinieren versuchte. Seitens der NSDAP, ab 1933 einzige Partei im Deutschen Reich und offiziell "Trägerin des deutschen Staatsgedankens", sollte Rudolf Heß nach seiner Ernennung zum "Stellvertreter des Führers" im April 1933 Hitlers Standpunkte gegenüber staatlichen Institutionen und den Parteidienststellen vertreten.

Herkömmliche, aber im nationalsozialistischen Sinn als störend empfundene staatliche Organisationen von Regierung, Justiz und Verwaltung wurden aufgehoben oder mit NS-Organisationen zu halbstaatlichen Behörden verschmolzen. Nach der Gleichschaltung der Länder wurden diese von Hitler persönlich unterstellten Reichsstatthaltern geführt. Sie waren häufig identisch mit den Leitern der NS-Gaue, die zum Teil auch als Oberpräsidenten preußischer Provinzen die starke institutionelle Verklammerung von Partei und Staat verkörperten. Den Landesregierungen übergeordnet, sollten die Reichsstatthalter für die Durchführung der zentralistischen Politik der Reichsregierung sorgen. Aber auch die Reichsregierung sah sich ab 1933 direkter Konkurrenz von zahlreichen NS-Sonderbehörden und Dienststellen ausgesetzt, die ausschließlich Hitler untergeordnet waren. Rivalisierende Kompetenzkonflikte und eine unübersichtliche Ämtervielfalt waren die Folge der Zersplitterung von Aufgabenbereichen, da eine verfassungsrechtliche Festlegung des Verhältnisses von Partei und Staat ganz bewusst unterblieb.

Nur aufgrund der Abkoppelung von herkömmlichen Reichsbehörden konnte der als "Generalinspekteur für das deutsche Straßenwesen" eingesetzte Fritz Todt ungehindert vom Verkehrsministerium und gesetzlichen Bestimmungen den prestigeträchtigen und massenwirksam inszenierten Autobahnbau vorantreiben. Wirtschaftspolitische Anstrengungen der Nationalsozialisten konzentrierten sich zunächst auf solche - zum Teil schon vor 1933 ausgearbeitete - Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und die Reduzierung der existenzbedrohenden Arbeitslosigkeit. Die damit verbundenen Erfolge der Nationalsozialisten wurden durch eine vor 1933 unbekannte Fülle staatlicher Propaganda vermittelt und nicht zuletzt dank der zunehmenden Verbreitung des Volksempfängers in viele Wohnzimmer übertragen. Verantwortlich für die allgegenwärtige Propaganda und den von ihr verbreiteten Führerkult um Adolf Hitler - dessen angeblich vorbildhafte Lebensweise ohne Alkohol und Nikotin ebenfalls herausgestellt wurde - war Joseph Goebbels. Er führte das im März 1933 neuerrichtete Propagandaministerium und war mit weitgehend identischen Aufgabenbereichen gleichzeitig Reichspropagandaleiter der NSDAP.

Als langjähriger getreuer Gefolgsmann Hitlers gehörte Goebbels ebenso wie Hermann Göring und Heinrich Himmler zum engsten Führungszirkel des NS-Regimes. Himmler befehligte als Reichsführer der Schutzstaffel (SS) dabei das wichtigste Machtinstrument Hitlers. Den machtpolitischen Aufstieg der SS ab 1933 sowie die schrittweise Übernahme der Polizeigewalt aus dem Kompetenzbereich der Länder vollendete Himmler im Juni 1936 mit seiner Ernennung zum "Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei". Die institutionelle Eigenständigkeit der Polizei hörte durch die enge Verschmelzung mit der SS in Personalunionen auch auf unteren Ebenen auf. Die formale Unterstellung Himmlers als Staatssekretär unter Innenminister Wilhelm Frick erwies sich dabei als bedeutungslos: Allein die persönlichen Gefolgschaftsverhältnisse gegenüber dem "Führer" prägten im NS-Regime das personenorientierte Regierungssystem auf höherer Ebene. Himmler direkt unterstellt waren der Sicherheitsdienst (SD) und die Geheime Staatspolizei (Gestapo). Durch sie gelang eine nahezu lückenlose Überwachung der Bevölkerung sowie eine rücksichtslose Verfolgung tatsächlicher oder vermeintlicher Gegner des jeder rechtsstaatlichen Kontrolle entzogenen, totalitären NS-Staats.

Unterdrückung und Terror gegenüber politischer Opposition prägten entschieden die Innenpolitik des NS-Regimes. In "Schutzhaft" genommene Häftlinge warteten zumeist vergeblich auf Gerichtsverfahren oder juristischen Beistand, obwohl sich staatliche Justizbehörden und das Reichsinnenministerium zumindest anfänglich noch gegen die von Himmler forcierten, gerichtlich nicht überprüfbaren Inhaftierungen wandten. Zu gänzlich rechtsfreien Räumen entwickelten sich die Konzentrationslager (KZ), im NS-Jargon häufig beschönigend als "Erziehungslager" tituliert und - wie im Fall des KZ Dachau - als solche in Illustrierten bildhaft dargestellt. Mit Ausweitung der von "Schutzhaft" bedrohten Personengruppen von politisch Andersdenkenden auf Juden, Zeugen Jehovas, "Arbeitsscheue" sowie Sinti und Roma wurden immer mehr Menschen in die Lager verschleppt.

Die nationalsozialistische Politik zielte von Anfang an auf die rasche Ausgrenzung von Juden und anderer als "rassisch minderwertig" Beurteilter aus allen Gesellschafts- und Lebensbereichen. Der staatlich gelenkte Ausschluß aus vielen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens sowie andere massive Unterdrückungsmaßnahmen veranlassten vor allem jüngere Juden zur Auswanderung. Einen radikalen Einschnitt in das Leben der in Deutschland verbliebenen Juden brachten die Nürnberger Gesetze von 1935, die sie zu Menschen minderen Rechts stempelten und auch jene als sogenannte Voll- oder Halbjuden definierten, die sich zeit ihres Lebens nicht als Juden empfunden hatten. Auch sie konnten damit Opfer der Pogromnacht vom 9. zum 10. November werden, in der Nationalsozialisten etwa 100 Juden ermordeten, Hunderte von Synagogen in Brand steckten und Tausende jüdische Geschäfte und Wohnungen demolierten. Dem wegen der vielen zerstörten Schaufensterscheiben auch "Reichskristallnacht" genannten Pogrom folgte eine Fülle weiterer antijüdischer Maßnahmen, mit denen die Juden endgültig jeglicher Existenzgrundlage beraubt wurden.

Obwohl die antijüdische Politik bei einem Großteil der Deutschen nicht auf Anerkennung stieß, fanden nur Wenige den Weg in den Widerstand. Zwar wehrten sich Teile der katholischen und evangelischen Kirche durchaus erfolgreich gegen ihre Gleichschaltung und den Anspruch des NS-Regimes, auch das religiöse Leben der Menschen mit nationalsozialistischer Ideologie zu durchdringen. Zu häufig jedoch blieben auch die Kirchen stumm gegen die NS-Unrechtspolitik und widmeten sich statt dessen ganz ihren sozialen Aufgaben. In der deutschen Bevölkerung erfreute sich das NS-Regime großer Zustimmung.

Gründe dafür waren zunächst die Reduzierung der Arbeitslosigkeit und ein vornehmlich durch die schnelle Aufrüstung eingeleiteter Wirtschaftsaufschwung. Sozialpolitische Maßnahmen und Einrichtungen wie das Winterhilfswerk (WHW) gegen Hunger und Armut, die NS-Volkswohlfahrt und nicht zuletzt die beliebte Freizeitorganisation "Kraft durch Freude" (KdF) brachten dem NS-Regime ebenso nachhaltig Sympathien ein wie die mit großem Aufwand betriebenen Olympischen Spiele 1936. Hinzu kamen Erfolge in der Außenpolitik, mit denen Hitler die als Schmach empfundenen "Ketten von Versailles" sprengte und Deutschland sukzessive auf Augenhöhe mit anderen Großmächten hievte.

Die meisten Menschen in Deutschland, aber auch im Ausland konnten oder wollten jedoch angesichts der Erfolge Hitlers dessen wahre Absichten nicht erkennen: Die Eroberung von neuen "Lebensraum im Osten" durch Krieg. Der deutsche Angriff auf Polen am 1. September 1939 stellte den ersten Schritt dazu dar.

NS-Außenpolitik

Die Überwindung der politischen Isolation war zunächst vorrangiges Ziel nationalsozialistischer Außenpolitik. Die personelle Kontinuität im Auswärtigen Amt nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 erweckte den Eindruck, das NS-Regime würde sich in die europäische Kräftekonstellation einordnen. Tatsächlich aber ging die von Adolf Hitler angestrebte expansive deutsche Außenpolitik weit über die von den meisten Deutschen geforderte Revision des Versailler Vertrags hinaus. Hitler strebte die deutsche Vormachtstellung in Europa an und wollte Deutschland als Weltmacht etablieren. Dazu sollte das Deutsche Reich militärisch aufgerüstet und wirtschaftlich autark werden.

Bereits am 3. Februar 1933 erhob Hitler in einer Geheimrede vor den ranghöchsten Offizieren der Reichswehr die Forderung, das Deutsche Reich müsse neuen "Lebensraum im Osten" erobern und diesen "rücksichtslos germanisieren". Aus diesem Grund besaßen die schnelle, durch den Versailler Vertrag von 1919 und dem 1925 abgeschlossenen Locarno-Pakt allerdings behinderte Aufrüstung und Wiedererlangung der militärischen Stärke Deutschlands höchste Priorität. Zur Beruhigung des durch die nationalsozialistische Machtübernahme aufgeschreckten Auslands reklamierten Hitler und Reichsaußenminister Konstantin Freiherr von Neurath in der Öffentlichkeit lediglich das Selbstbestimmungsrecht für Deutschland. Hierfür konnten sie auf Verständnis vor allem in Großbritannien hoffen, mit dem Hitler ein enges Bündnis anstrebte. Sein Bestreben galt der Aufteilung der Welt zwischen Deutschland als bestimmender Kontinentalmacht und Großbritannien als führender Seemacht.

Um der drohenden Isolierung nach der Machtübernahme zu entgehen, waren die außenpolitischen Schritte Deutschlands stets von Friedensbeteuerungen Hitlers begleitet. Gleichzeitig sollten bilaterale Verträge vertrauensbildend wirken. Am 5. Mai 1933 ratifizierte Deutschland die Verlängerung des 1926 mit der Sowjetunion abgeschlossenen Berliner Vertrags. Das am 20. Juli 1933 unterzeichnete Konkordat zwischen dem Deutschen Reich und dem Vatikan nutzte der NS-Staat, um seine Kirchenfeindlichkeit zu kaschieren. Der deutsch-polnische Nichtangriffspakt vom 26. Januar 1934 bedeutete zumindest nach außen eine Abkehr von der gegen Polen gerichteten deutschen Ostpolitik der Weimarer Republik.

Während die kommunistische Sowjetunion zur Überwindung ihrer außenpolitischen Isolierung im September 1934 dem Völkerbund beitrat, hatte das nationalsozialistische Deutschland ein knappes Jahr zuvor den entgegengesetzten Schritt unternommen. Mit dem deutschen Austritt aus dem Völkerbund im Oktober 1933 sollten wirkungsvolle internationale Rüstungsbeschränkungen und Kontrollen verhindert und die Aufrüstung forciert werden. Mit der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht am 16. März 1935 hob das Deutsche Reich sämtliche militärischen Bestimmungen des Versailler Vertrags auf.

Auf diesen einseitigen Vertragsbruch reagierten Großbritannien, Frankreich und Italien mit einer gemeinsamen Verurteilung und der Bildung der sogenannten Stresafront, die jedoch am 18. Juni 1935 mit dem deutsch-britischen Flottenabkommen schon wieder zerbrach. Großbritannien unterzeichnete trotz der Bevorzugung multilateraler Abkommen den bilateralen Vertrag mit Deutschland, um ein Wettrüsten wie vor dem Ersten Weltkrieg zu verhindern. Hitler und sein Sonderbevollmächtigter Joachim von Ribbentrop erkannten in dem Flottenabkommen hingegen die erste Etappe eines umfassenden deutsch-britischen Bündnisses.

Ein weiterer Erfolg für Hitler war die Saarabstimmung im Januar 1935 mit der überwältigenden Zustimmung der Bevölkerung des Saarlands zur Rückkehr ins Reich. Und auch die Olympischen Spiele 1936 in Berlin erhöhten Hitlers Popularität in Deutschland, aber auch im Ausland. Als Hitlers Werben um ein enges Bündnis mit Großbritannien jedoch ohne Erfolg blieb, sah er ein, daß er seine außenpolitischen Ziele möglicherweise gegen britische Interessen erreichen müsse. Stattdessen wurden die ab 1933 angestrebten intensiven Verbindungen mit dem faschistischen Italien von Erfolg gekrönt. Nach einer Phase der deutsch-italienischen Annäherung und dem gemeinsamen Eingreifen im Spanischen Bürgerkrieg gegen die "bolschewistische Gefahr" in Europa wurde im November 1936 die "Achse-Berlin-Rom" proklamiert. Im selben Monat schlossen das Deutsche Reich und Japan den gegen die Sowjetunion gerichteten Antikominternpakt ab.

Nach der Konsolidierung des NS-Regimes intensivierte Hitler - wie mit dem Einmarsch in das entmilitarisierte Rheinland im März 1936 - den außenpolitischen Konfrontationskurs und drohte zunehmend mit militärischer Gewalt. So setzte er den österreichischen Bundeskanzler Kurt von Schuschnigg massiv unter Druck. Um Deutschlands Einfluß in Ost- und Südosteuropa zu vergrößern, marschierten am 12. März 1938 deutsche Truppen in Österreich ein. Wenig später stimmte zur Verminderung der Kriegsgefahr auch Großbritannien dem "Anschluß" Österreichs zu. In einer Volksabstimmung am 10. April votierten schließlich offiziell jeweils über 99 Prozent der Deutschen und Österreicher für den "Anschluß". Wahlberechtigte im Ausland mußten die Abstimmung auf deutschem Hoheitsgebiet - wie z.B. dem Torpedoboot "Wolf" in Genua - vornehmen. Österreich wurde vollkommen in das Deutsche Reich eingegliedert.

Joseph Goebbels verstärkte nun die "Heim ins Reich"-Kampagne, die unter Hinweis auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker den Anschluß des Sudetenlands an das Deutsche Reich vorsah. Gezielt förderte die deutsche Propaganda bestehende Spannungen zwischen den 3,5 Millionen Sudetendeutschen und dem tschechoslowakischen Staat. Zur Verhinderung eines Kriegs in Europa unterzeichneten unter Vermittlung von Benito Mussolini Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland am 30. September 1938 das Münchner Abkommen, das die Tschechoslowakei zur Räumung aller sudetendeutschen Gebiete zwang.

Hitler erklärte jetzt zwar öffentlich, er habe keine weiteren territorialen Forderungen. Nach der Besetzung des Sudetengebiets setzte er seine Annexionspläne und Kriegsvorbereitungen aber unbeirrt fort. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Prag am 15. März 1939 erfolgte die "Zerschlagung der Rest-Tschechei", Böhmen und Mähren wurden deutsches "Reichsprotektorat", die nun völkerrechtlich souveräne Slowakei ein deutscher Satellitenstaat. Am 23. März 1939 marschierten Wehrmachtseinheiten zudem ins litauische Memelgebiet ein. Durch einen Rückgabevertrag mit Litauen wurde das durch den Versailler Vertrag abgetretene und seit 1923 unter litauischer Verwaltung stehende Memelland wieder Bestandteil des Deutschen Reichs.

Deutschlands Nachbarn in Waffen

Die deutsche Führung verkannte allerdings im Triumph ihrer außenpolitischen Erfolge die Grenzen der bisherigen "Appeasement-Politik". Großbritannien und Frankreich hatten Deutschland lange gewähren lassen, ein verlustreicher Krieg wie 1914-1918 sollte unter allen Umständen verhindert werden. Doch sie waren nicht bereit, die Expansionsgelüste Hitlers weiterhin tatenlos zu dulden. Um ihn von weiteren kriegerischen Schritten abzuhalten und um die deutsche Machtausdehnung einzudämmen, garantierten die Westmächte im Frühjahr 1939 die Unabhängigkeit des polnischen Staats.

Dennoch erklärte Hitler am 23. Mai 1939 vor den Oberbefehlshabern der Wehrmacht, Polen militärisch niederwerfen zu wollen. Die Voraussetzungen dafür schuf er am 23. August 1939 mit dem im Ausland für kaum möglich gehaltenen deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag. Der sogenannte Hitler-Stalin-Pakt mit einem geheimen Zusatzprotokoll, das die Aufteilung Polens zwischen Deutschland und der Sowjetunion regelte, ermöglichte beiden Staaten, Krieg gegen Polen zu führen, ohne die jeweiligen Interessensphären des Vertragspartners zu tangieren. An Hitlers eigentlichem außenpolitischen Ziel - der Gewinnung von "Lebensraum" im Osten - änderten das taktische Bündnis mit der Sowjetunion und der Beginn des Zweiten Weltkriegs allerdings nichts.