Vortrag von Oliver Kayser über die 'fahrende' Kultur in Luxembourg

 

(Die meisten Sitten stammen aus älteren Überlieferungen, wie etwa aus der Zeit des Mittelalters, so dass sich vieles heute geändert hat. Sie stellen keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit dar.)

 

Jenische Sitten und Bräuche

Wichtigste Merkmale der Jenischen sind die ungebundene Lebensweise, das Gewerbe und die Sprache.

Das Symbol der Jenischen ist die Triangel, welche auf den keltischen Hintergrund der Jenischen verweist und in vielen Formen zum Ausdruck kommt. Die Triangel steht für die drei Elemente der Schöpfung Feuer, Wasser und Luft. Wobei Feuer das göttlich Männliche, schöpferische, aktive Prinzip, Vater Himmel und Wasser das göttlich Weibliche, gebährende, ruhende und passive Prinzip Mutter Erde symbolisiert. Das Element Luft stellt das unbekannte göttliche Prinzip dar, das alles durchdringt und miteinander verbindet. Dieser Glaube basiert auf druidischer Überlieferung und wird bei den Altkelten als Triskele dargestellt und den Neodruiden als Tribann oder Awen dargestellt. Der Kreis der die Triskele umschliesst symbolisierend die Erde, die einem steten Zyklus von Geburt, Tod und Wiedergeburt unterliegt. Der Ohrring ist eben auch dieser Kreis. So sind die vier Elemente miteinander vereint. In späteren Zeiten stellte auch das Kreuz dieselbe Symbolik dar, denn das Kreuz bedeutet ebenfalls dass Himmel und Erde, Vater und Mutter, Feuer und Wasser, Sonne und Mond, miteinander verbunden sind. Die schwarze Madonna ist diese Erdenmutter, die alte keltische Erdgötting, die uns ernährt in Persona. Heute ist allerdings eher ein christlicher Glaube mit starker Naturverehrung, wie es etwa Franziskus von Assisi predigte, unter den Fahrenden anzutreffen. Da die Fahrenden jedoch diese alten Prinzipien verehren, und das göttliche als etwas Universelles begreifen, hatten sie nie Schwierigkeiten, sich den Glaubensvorstellungen der verschiedenen Länder anzupassen.

 

Zu den Sitten lässt sich folgendes sagen:

- Alle Fahrenden hatten in den Camps Heimrecht und somit Anrecht auf ein warmes Essen, Trinken und Übernachtung. Das Feuer war zentraler Versammlungsplatz der Sippe, wo gemeinsam das Nachtmahl eingenommen und brüderlich geteilt wurde. Es war der Ort und die Zeit für die Jüngeren, den Geschichten der Ulmische zu lauschen, und so die Kultur vermittelt zu bekommen. 

- Mann und Frau, die zusammenziehen und -leben gelten als verheiratet. Meist wurde eine Mitgift vorher, unter den Eltern, ausgehandelt. 

- Mit 7 Jahren erhalten vorallem die Buben den traditionellen Ohrschmuck, resp. Ohrring. Dieser muss aus Gold sein. In früheren Zeiten galten die vogelfreien Fahrenden als Recht- und Ehrlos und durften nicht auf geweihtem Boden bestattet werden. Später hatten sie das Problem, dass sie zu "arm" waren, ein Begräbnis auszurichten. Hier verschuf man sich Abhilfe, indem den Kindern goldenen Ohrringe gestochen wurden. Sie waren nicht nur Schmuck sondern auch das "Geldmittel", um später ein Begräbnis damit finanzieren zu können. Fahrenden die gegen die Sitten der Sippe verstossen hatten oder ausgestossen wurden, wurde dieser Ohrring mit Gewalt herausgerissen. Mit dieser Narbe am Ohr wussten die anderen Umherziehenden, dass es sich um ein "Schlitzohr" handelte, also um jemanden der seine Sippe verraten oder entehrt hatte, er wurde fortan geächtet. Daher kommt der Ausdruck "Schlitzohr".

- Mit 14 Jahren war man als vollwertiges Familienmitglied akzeptiert und wurde meist in die Sprache eingeführt. Bei einigen kann das auch schon früher stattgefunden haben. Mit 14 Jahren ist man, biologisch gesehen, zeugungs- und gebährfähig, so dass in früheren Zeiten, nicht nur bei den Fahrenden, die Jugendlichen meist schon heirateten und Kinder zeugten.

- Alle Mitglieder eines umherfahrenden Verbandes wählten unter sich einen Ältesten und eine Älteste, als Vertreter der Sippe, des Verbandes. Der Verband lebte in Gütergemeinschaft nach dem Vorbild der Apostel, sie gaben ihr Einkommen oder ein Teil davon gewöhnlich in eine gemeinsame "Kasse" aus der dann alle gleichermassen etwas erhielten. Meist wurde damit Vieh zum schlachten gekauft oder Ähnliches, halt das was die gesamte Sippe brauchte. Die Ältesten waren auch Richter und schlichteten Streit oder verhandelten mit der Obrigkeit, zum Beispiel über Flebben etc.

- Die Kinder und Frauen gingen meist stranzieren während die Männer das Gewerbe ausübten. Oft halfen die Kinder und Frauen aber auch den Männern. Mit 14 Jahren wurden die Kinder dann in die Lehre genommen und lernten das Gewerbe vom Vater. Mit 21 Jahren waren die Kinder dann alt genug selbständig zu arbeiten.

 

Wichtige kulturelle Ereignisse: 

Treffen von Fahrenden gab es schon immer. Wallfahrten sind bis ins Mittelalter belegt. Eine der ältesten Wallfahrten für Jenische ist auch der 9. September, an dem sich viele Fahrende, vor allem Spielleute, Schausteller und Gaukler in Ribeauville oder zu deutsch Rappoltstein im Elsass trafen und dort zum Einen ihre Schutzpatronin Maria verehrten und zum Anderen ihren "Pfifferkünnig aller Fahrenden Lyte" erwählten, also den König der Fahrenden. Hier handelt es sich um die "Brouderschaft unser seligen Gottesmutter und aller fahrenden Lyte" im Elsass, das berüchtigte Königreich der Fahrenden Leute.

Ein anderes Fest war wohl die Fekker Chilbi in Gersau, die Schobermesse (seit dem 13. Jh) in Luxemburg, und andere grössere Wallfahrten und Feste. Auch in Weimerskirch war das Kirchweihfest ein grosses Treffen der Jenischen. Das Maifeuer und das Sankt-Martinsfeuer (diese beiden Daten stellten für viele Semi-Nomaden den Beginn und das Ende ihrer Handelsschaft dar.

Am 29. September wählte die Zunft der jenischen Lumpenkrämer ihren Lumpenkönig, der auf einem Wagen durch die ganze Stadt gefahren wurde.

Am Tage des heiligen Eligius erwählten die Kesselflicker ihren "Goussertekinnék". Diese Könige scheinen aber wohl eher einem Zunftmeister entsprochen zu haben und sind wahrscheinlich mit den Bulibasha der Rom nicht zu verwechseln.

Hochzeiten, Taufen, Begräbnisse waren innerhalb der Sippen grosse Angelegenheiten.

Das Bootsch spielen war ein schöner Zeitvertreib unter den Fahrenden.

Alles in allem ist die Diversität der Jenischen Kultur noch nicht zur Gänze zu Tage getreten. Das ist auch der Fall, weil die Kultur von Region zu Region kleinere Abweichungen hat. Jedoch ist die Tradition der Fahrenden, ihre Bräuche, Sitten und Überlieferungen ein grosser Schatz europäischer Geschichte und kann uns allen, die wir heute in den Fussstapfen dieser Fahrenden stehen Inspiration, Heimat und Segen sein.

Mit den besten Wünschen für euch alle

Oliver Kayser

 

Quellen: