Die "Zigeuner" (Quelle: Brockhaus Multimedial 2007)

Zigeuner, vermutlich aus byzantinisch-griechisch athinganoi »Unberührbare« oder aus lateinisch cingari bzw. arabisch samkeri »Blechschmied«, auch Sinti und Roma, im deutschen Sprachraum vorherrschende Gesamtbezeichnung für fast weltweit verbreitete, in Europa v. a. in den Balkanländern (mit bis zum Teil 10 % der jeweiligen Gesamtbevölkerung) beheimatete Minderheitsgruppen. - Zahlenangaben zu den Zigeunern schwanken aufgrund umstrittener Zugehörigkeitskriterien stark (weltweit etwa 2-20 Mio.). - Von einigen Gruppen wird die Bezeichnung Zigeuner (und ihre Entsprechungen in anderen Sprachen wie englisch Gypsies, französisch Tsiganes, spanisch Gitanos, rumänisch Tigan, ungarisch Cigány, russisch Cigan) als diskriminierend abgelehnt, weil sie ein soziales Gefälle zum Ausdruck bringt.

Die Namen der Volksgruppen:

Die Bezeichnung Sinti wird fälschlicherweise mit der südasiatischen Region Sindh als hypothetischer Herkunft verbunden, entstammt aber dem Jenischen, einer nicht mit dem Romani verwandten Sondersprache mitteleuropäischer Zigeuner. Roma (Singular: Rom) bezeichnet die Sprecher jener »Zigeunersprache« mit indischen Wurzeln (Romani, Romanes), die - in einer sehr verschiedenen Dialektvariante - auch von Sinti gepflegt wird und seit dem 19. Jahrhundert auch in Amerika bekannt ist; von einigen Politikern wird der Begriff Roma aber losgelöst von der Sprache als Ersatz für die alten Sammelbezeichnungen propagiert.

Die Bezeichnung Sinti wird allgemein eher für mitteleuropäische, die Bezeichnung Roma eher für die südosteuropäischen Zigeuner verwendet. Nicht Romani sprechende Zigeuner sind z. B. Reizigers in Holland, Omstreifere in Norwegen, Resande in Schweden, Quinquis in Spanien, Tinkers in Irland und Schottland, Jenische in der Schweiz und Deutschland. - Zigeuner in Mitteleuropa gehören traditionell der katholischen Konfession an, viele sind aber zu neuprotestantischen Kirchen übergetreten. In Ost- und Südosteuropa gehört die Mehrheit den orthodoxen Kirchen an, aber es gibt dort auch muslimische Zigeuner, die in der Türkei und den östlich angrenzenden Ländern die Mehrheit bilden. - Mit Geschichte, Kultur und Herkunft der Zigeuner befasst sich die Ziganologie (Tsiganologie).

Kultur und kulturelle Identität:

Selbst innerhalb von Nationalstaaten bilden Zigeuner keine homogene Einheit. Träger der sozialen Organisation und kultureller Überlieferung ist die Familie. Die ältere Generation genießt die besondere Achtung der Jüngeren. Die kulturelle Identität gründet in der eigenen Sprache, in der eigenständigen Auseinandersetzung mit der Kultur der Mehrheitsbevölkerung und in der Erfahrung jahrhundertelanger Verfolgung. Die Kultur der Zigeuner ist u. a. gekennzeichnet durch einen reichen Schatz an Erzählungen, Märchen und Liedern, durch künstlerische, besonders musikalische Fähigkeiten und handwerkliche Traditionen (v. a. Kupfer- und Goldschmiedekunst, Korbflechterei, Holz- und Lederbearbeitung).

Geschichte bis zur frühen Neuzeit:

Es gibt Überlieferungen, nach denen die Romani sprechenden Zigeuner (Roma im engeren Sinn) zwischen 800 und 1 000 aus ihrer Heimat im nördlichen Punjab infolge von Eroberung und Islamisierung vertrieben wurden. Wesentlich gesicherter als Ausbreitungszentrum der Roma sind aber Byzanz (das »2. Rom«), der Balkan und die osmanischen Kernländer. Im ausgehenden Mittelalter werden fremd aussehende Zigeuner in verschiedenen Städten Mittel- und Westeuropas kurz hintereinander urkundlich erwähnt - oftmals als »Ägypter« -, ab 1715 sind sie auch in Nordamerika belegt. Mit der Formierung der bürgerlichen Gesellschaft wurden Außenseiter wegen ihrer Unangepasstheit oft als störend empfunden und reizten zu ordnungspolitischen Maßnahmen. Damit lösten das anfänglich staunende Interesse bald Vertreibungen, Ächtungen und Verfolgungen ab. Zwischen 1497 und 1774 wurden allein im Heiligen Römischen Reich 146 Edikte gegen Zigeuner erlassen. Die Opfer entwickelten eigene Methoden des Überlebens, die ihrerseits die erwähnte (Kontrast-)Kultur der Zigeuner prägten.

Ausgrenzung und Integrationsversuche:

Dem Beispiel Maria Theresias und Josephs II., die Roma in Österreich zwangsweise zu Bauern machen wollten, folgte der preußische König Friedrich II., der Große, 1775 mit der Gründung eines »Zigeuner-Dorfs« in Friedrichslohra (heute zu Großlohra, Kreis Nordhausen). Obwohl dieses Projekt der »Umerziehung« endgültig 1837 scheiterte, war es Teil und Beispiel des Ende des 18. Jahrhunderts einsetzenden Versuchs, die Zigeuner nicht mehr zu vertreiben, sondern in die (deutsche) Gesellschaft und Kultur einzugliedern und zu assimilieren. Protorassistischen, antiziganistischen Vorurteilen zufolge (große Parallelität zu judenfeindlichen beziehungsweise antisemitischen Sichtweisen) galt ihre Kultur als »minderwertig« und als nicht bewahrenswert. Seit 1899 begann im Deutschen Reich eine systematische Bekämpfung der Zigeuner; seit 1906 bestand in Preußen eine »Zigeuner-Gesetzgebung«; aber auch in anderen europäischen Ländern blieben die Zigeuner als »fahrendes Volk« Ausgegrenzte (z. B. die Jenischen).

Nationalsozialistische Ausrottungspolitik:

Ihren Höhepunkt erreichten die Verfolgungen der Zigeuner während der nationalsozialistischen Zeit in Deutschland (1933-45); seit 1935 galten die Zigeuner ebenso wie die jüdische Bevölkerung als »Artfremde« (Nürnberger Rassengesetze; Rassenfrage). Bereits ab 1936 (Olympische Sommerspiele in Berlin) erfolgte die zwangsweise Unterbringung in Sammellagern, 1940 die Deportation in Konzentrations- und Vernichtungslager (Grundlage: »Zigeuner-Grunderlass« von 1938, »Festsetzungserlass« von 1939, »Auschwitz-Erlass« Himmlers von 1942). Daneben und als Vorstufe zur nationalsozialistischen Ausrottungspolitik wurden in bestimmten KZ auch an Zigeunern Zwangssterilisationen vorgenommen; in Osteuropa starben viele Zigeuner bei Mordaktionen von Einsatzgruppen sowie Wehrmachtseinheiten.

Nach Schätzungen sollen insgesamt etwa 500 000 Zigeuner bis 1945 in Europa umgebracht worden sein (zweitgrößte Opfergruppe der nationalsozialistischen Rassenpolitik). Die historische Forschung ist inzwischen um eine verstärkte Einbettung dieses Vorgangs in das Gesamtgeschehen des Holocaust (in Romani »Porajmos«=»das Verschlingen«) bemüht; vereinzelt wird die Opferzahl wesentlich geringer geschätzt (zwischen 100 000 und 200 000).

Geschichte nach 1945

Auch nach 1945 waren die Sinti und Roma in Deutschland Diskriminierungen ausgesetzt. In jüngster Zeit mehren sich Forderungen, sie als rassisch Verfolgte anzuerkennen und entsprechende Entschädigungszahlungen zu leisten. - Kommunistisch geführte Regierungen betrieben eine Politik der Zwangsassimilierung. In einigen Staaten des ehemaligen Ostblocks kam es zum Teil zu massiven Menschenrechtsverletzungen (Zwangssterilisation, Sprachverbot). Nach dem Sturz der kommunistischen Regierungen (1989-91) kamen bei weiter bestehender Diskriminierung und drückender sozialer Bedingungen zahlreiche Zigeuner, v. a. Roma aus Südosteuropa, nach Deutschland und bemühen sich unter Wahrnehmung des deutschen Asylrechts um Aufenthaltserlaubnis.

Interessenverbände der Sinti, Roma und Jenischen in Deutschland:

Seit Ende der 1970er-Jahre entstanden in der Bundesrepublik Deutschland verschiedene Interessenverbände der Zigeuner, z. B. der »Zentralrat Deutscher Sinti und Roma« mit einem »Dokumentations- und Kulturzentrum der Sinti und Roma« in Heidelberg, der »Roma National Congress« in Hamburg, die »Romani Union« in Berlin und die »Sinti-Allianz« in Köln, deren Forderungen auf Anerkennung der NS-Verfolgung als Völkermord, die Errichtung einer entsprechenden Gedenkstätte in Berlin und Wiedergutmachungsleistungen an die betreffenden Verbände zielen. Ab 1998 wurden auch die Jenischen immer aktiver im Kampf um Anerkennung und Rehabilitation der vielen tausenden von Jenischen Opfern und heute gibt es auch hier mit dem "Jenischen Bund in Deutschland" und der "Union der Jenischen Minderheit in Europa" international anerkannte Opferverbände die für die Rechte Ihrer Minderheit eintreten.

© Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2007