Jenische Opfer der Euthanasie am Beispiel des jungen Ernst Lossa!

Ernst Lossa stammt aus einer Familie von „Jenischen“, bzw. auch "Zigeunern", wie man damals auch zu den Jenischen noch meistens sagte.

Er gilt als schwieriges Kind, wird von Nazi-Heim zu Nazi-Heim geschoben, nirgends bekommt man Ihn, bzw. seinen Ihm als jenischem ja angeborenen Freiheitsdrang klein!

Bis er dann letzten Endes in die damals ja für Ihre so grausamen Ärzte schon weithin berüchtigte, psychiatrische Anstalt im bayerischen Kaufbeuren zwangsweise eingewiesen wird.

Er bekommt am 09. August des Jahres 1944 von diesen den Nazi-Verbrechern total ergebenen "Ärzten" die sog. Todesspritze verabreicht ...

Ernst Lossa wurde 1944 ermordet - per Todesspritze mit "Morphium-Scopolamin" ...

Sommer 1933: Während Millionen Deutsche ihrem neuen Führer huldigen, geht es mit der Familie Lossa bergab. Sie sind Jenische und ziehen als fahrende Händler durch die Dörfer in Süddeutschland. Ernst, mit knapp vier Jahren der älteste Sohn der Lossas, liebt das Wanderleben. Doch die Geschäfte gehen schlecht, Landfahrer werden von den Nazis zunehmend gegängelt, dazu ist die Mutter hochschwanger und schwer krank.

Doch bald entdeckt Ernst, dass hinter der Fassade der Heilanstalt unheimliche Dinge geschehen. Patienten werden fortgebracht, ausgehungert oder sterben aus mysteriösen Gründen. Ernst versucht, das unmenschliche System zu unterwandern, schlitzohrig, mutig und mit großem Herzen. Und weiterhin träumt er von der Freiheit und dem Leben im Planwagen. Dabei ahnt der 14-Jährige nicht, wie sehr er selbst in Lebensgefahr schwebt. Im Sommer 1944, als den Deutschen dämmert, dass der Krieg verloren ist, bekommen die Todespfleger die Weisung: Ernst Lossa muss beseitigt werden.

Am 20. April 1942 – ausgerechnet am "Führergeburtstag" – wird Ernst in eine Heilanstalt eingewiesen. Der Junge, der weder behindert noch geisteskrank ist, findet unter den Verrückten, Gelähmten und Anfallskranken das, was er lange vermisst hat: Eine Familie. Ernst erlebt Geborgenheit, Freundschaft und verliebt sich über beide Ohren in eine Mitpatientin.

1940 ist die Geduld der Nonnen im Waisenhaus zu Ende. Wegen seiner diebischen Veranlagung schieben sie Ernst in ein NS-Erziehungsheim ab. Doch der Zehnjährige passt auch hier nicht ins System. Er wird noch mehr zum Sonderling, einer, der sich nicht erziehen lässt, der sich auflehnt gegen Kälte und Zwang. Schließlich kommt eine Gutachterin zu dem Urteil, der Junge habe "angeborene Stehlsucht". Dem Stempel "Zigeuner" fügt sie einen zweiten hinzu, der da heißt: "Asozialer Psychopath".

Die Geburt des vierten Kindes im Juni verschärft die Lage. Die Behörden greifen ein und reißen die Familie auseinander. Damit beginnt für den kleinen Ernst Lossa der Abstieg. Seine Mutter stirbt, sein Vater wird ins KZ gebracht. Ernst kommt ins Waisenhaus, wo er als "Zigeunersohn" abgestempelt in einer groben Hackordnung aufwächst. Ernst lernt zu lügen und zu stehlen und schafft sich seine eigene Traumwelt.

Seine Bilder seien klüger als er, sagte der Maler Gerhard Richter einmal, und sein Ölgemälde„Tante Marianne” gab ihm auf beklemmende Weise Recht. 1965 in Unkenntnis der tatsächlichen biografischen Hintergründe gemalt, kam die ganze Geschichte, die Richters Bild erzählt, erst 2004 ans Licht. Die porträtierte Marianne Schönfelder, Richters Tante mütterlicherseits, wurde, an Schizophrenie erkrankt, in Nazi-Deutschland zwangssterilisiert und in der Anstalt Großschweidnitz kurz vor Kriegsende zu Tode gebracht. Und ihr heute weltberühmter Neffe, stellte sich weiter heraus, hatte auch einen der Täter von damals gemalt: den tief in das Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten verstrickten Arzt Heinrich Eufinger – seinen Schwiegervater.

Ermordet mit Morphium-Scopolamin

Als das Porträt Marianne Schönfelders von Sotheby's versteigert wurde, schrieb der Journalist, der die unheimliche Geschichte des Gemäldes öffentlich gemacht hatte: „Tante Marianne" sei das „Gesicht der Euthanasie" – das Bild dürfe Deutschland nicht verlassen. Es tat es doch, kehrte aber 2007 zurück – als langfristige Leihgabe in die Dresdner Galerie Neuer Meister.

Ein zweites „Gesicht der Euthanasie" ist das des Ernst Lossa, wie es den Leser von Robert Domes' soeben erschienenem Jugendbuch „Nebel im August" anschaut. Die Fotografie, aufgenommen 1942 in der „Heilanstalt" Kaufbeuren, zeigt einen zwölfjährigen Jungen, der zugleich jünger und viel älter wirkt. Zutiefst misstrauisch, aber auch vorsichtig hoffend schaut er in die Kamera, „eine Mischung aus Sehnsucht und Kampfeslust, Verlorenheit und Trotz, Pfiffigkeit und Melancholie, Neugier und Angst", wie Autor Robert Domes schreibt.

In jahrelanger Recherche hat der bayerische Journalist dem Schicksal Ernst Lossas nachgeforscht und nun eine Geschichte zu erzählen, die nicht minder entsetzlich und bestürzend ist als die Marianne Schönfelders. Weder geistig noch körperlich behindert, wurde Ernst Lossa in der Nacht vom 8. auf den 9.August 1944 in der von Kaufbeuren mitverwalteten Nebenanstalt Kloster Irsee mit zwei Spritzen Morphium-Scopolamin ermordet. Seinen Henkern, die ihn zu „euthanasieren" vorgaben, galt er als „asozialer Psychopath".Lossa starb, weil er rebellierte Ernst Lossa wurde im selben Jahr wie Anne Frank – 1929 – geboren, anders als Anne Frank jedoch hat er kein Selbstzeugnis hinterlassen, das Auskunft über seine Gefühle gäbe.

Andererseits ist, während sich Anne Franks Leidensweg in den letzten Monaten nur noch schwer nachverfolgen lässt, Lossas Schicksal durch die Nazi-Bürokratie teils akribisch dokumentiert. Zudem wurden die amerikanischen Befreier bald auf seinen Fall aufmerksam. Vier Jahre nach dem Krieg kam es in Augsburg zu einem Prozess, der mit heute unfassbar milden Strafen endete.

„Wenn ich ihn nicht euthanasiert hätte", sagte der Kaufbeurer Anstaltsdirektor Valentin Faltlhauser, zum Fall Ernst Lossa befragt, damals aus, „dann wäre er halt in eine andere Anstalt gekommen." Falthauser wurde zu drei Jahren Haft verurteilt. Tatsächlich musste Ernst Lossa wohl auch deshalb sterben, weil er die Zustände in Kaufbeuren/Irsee wie kein anderer Insasse kannte und gegen sie rebellierte.

Nachdem die sogenannte „Aktion T4", in deren Rahmen die als „lebensunwert" erachteten Patienten in Gaskammern ermordet wurden, 1941 abgebrochen worden war, hatte in Irsee und anderen Anstalten die sogenannte „wilde Euthanasie" begonnen. Unter anderem hatte man eine „Entzugskost" eingeführt und viele Patienten systematisch verhungern lassen. Der angeblich „gemeinschaftsunfähige" Ernst Lossa war daraufhin in eine Vorratskammer eingebrochen und hatte die gestohlenen Lebensmittel verteilt.Kind fahrender Restauratoren.

Danach, so hat es der Psychiater Michael von Cranach, der die Rolle der Psychiatrie im Nationalsozialismus seit Jahrzehnten erforscht und auch Domes' Roman angestoßen hat, formuliert, „bestand der Verwaltungsleiter" auf Lossas „Tötung". In Domes' Roman „Nebel im August" nimmt Ernst von den Mitinsassen Pfennigbeträge für das aus der Apfelkammer entwendete Obst.

Domes ist in seiner Darstellung spürbar bemüht, keinen Widerstandshelden aus Ernst Lossa zu machen, sondern ihn zu beschreiben, als das, was er war: ein außergewöhnlich tapferer und im Übrigen ganz normaler Junge. Den Fakten folgend und nur die Lücken der Überlieferung mit den Mitteln der Vorstellungskraft füllend, beschreibt Domes das Leben Ernst Lossas mit großer Vorsicht und noch größerem Einfühlungsvermögen.

So entsteht das Bild eines Jungen, der, in Zeiten des Rassenwahns, nie ein Leben hatte. Ernst, tatsächlich das Kind einer Familie von Jenischen, die ihr Auskommen als fahrende Restauratoren oder fliegende Händler suchten, galt den Nationalsozialisten als „Zigeunermischling" und „Asozialer".Die Diagnose ist eine Farce Bereits mit vier Jahren kam er– die Mutter war schwer krank und starb bald darauf – in ein Waisenhaus, später beschrieb ihn ein Gutachten als „triebhaft", „schwer auffällig", „unerziehbar", „diebisch" und „selten stark abartig"– womit Ernsts Odyssee durch die „Heilanstalten" begann.

Dabei dienten Lossas kleine Diebstähle, wie Domes' Charakterisierung im Roman nahe legt, wohl vor allem der Schaffung dessen, was dieser Junge nie hatte: einer Privatsphäre. In kleinen Verstecken bewahrte Ernst auf, was nur ihm gehören sollte, diverse Schächtelchen und Kästchen waren sein „Platz". Die Diagnose „Psychopath": eine Farce.

„Der Fall Ernst Lossa", schreibt Robert Domes, entlarve die Verlogenheit der Mörder, „er steht exemplarisch für den perversen Rassen- und Auslesewahn im Hitler-Staat". Für Domes' Lebensgeschichte des Ernst Lossa gilt so, was Alexander Mitscherlich über die Nürnberger Ärzteprozesse schrieb: Die „Untaten waren von so ungezügelter und zugleich bürokratisch-sachlich organisierter Lieblosigkeit, Bosheit und Mordgier, dass niemand ohne tiefste Scham darüber zu lesen vermag."

Entsetzlich auch das: Das Kind Ernst Lossa hatte, wie andere Euthanasie-Opfer mit ihm, 1944 lange durchschaut, was in Irsee vor sich ging. Er wusste, was ihm bevorstand und kannte seine Mörder. Am Tag vor seinem Tod gab er einem Pfleger eben jene Fotografie, die den Leser jetzt von Domes' ergreifendem Buch anschaut. Der Pfleger solle ihn doch bitte „schön einsargen". „Zum Andenken" hatte Ernst Lossa, damals 14 Jahre alt, auf das Bild geschrieben. Er wurde auf einer Wiese in Irsee verscharrt.

Venanz Nobel, langjähriger Vize-Präsident des transnationalen jenischen Kulturvereins "schäft qwant" aus Basel veröffentlicht am 04. 12. 2007 ein Dossier zu diesem, von der Obrigkeit ja so gerne zum Einzelfall deklarierten Beispiel des versuchten Genozids an den Jenischen, ein in der Tat doch sehr aufschlussreiches und wirklich proffessionelles Dossier die wir hier angemessen würdigen möchten ...

Ernst Lossa, ein jenischer Jugendlicher der als Opfer der nationalsozialistischen Psychiatrie ermoret wurde...

Anstatt dessen hervorragende recherchierte Arbeit unnötiger Weise zu wiederholen (welche eh kein uns bekannter Jenischer besser als der "Fäberer" genannte, jenische Schriftsteller, Forscher, aktive Bürgerrechtsaktivist Venanz Nobel, hinbekommen würde) haben wir uns entschlossen euch diese hier zu präsentieren ....

Wir bitten jedoch alle darum zu berücksichtigen WER diese erstellt hat denn wir wollen uns weder mit fremden Loorbeeren schmücken noch die dem Autor zustehende Würdigung für uns in Anspruch nehmen!

Bemerkungen zur Aufarbeitung der Verfolgungsgeschichte der jenischen Holocaust-Opfergruppe von Venanz Nobel, Basel, 4.12.2007:

Wegschauen: Bis heute gibt es erst vereinzelte Arbeiten zur gegenwärtigen Lage und Geschichte der Jenischen in verschiedenen Ländern Europas und noch weniger Publikationen, die auf die Jenischen als Opfergruppe des Nationalsozialismus fokussieren.1 Daraus zu schliessen, dass die Jenischen keine eigene Opfergruppe gewesen seien, wäre so kurzsichtig wie jeder andere Versuch, Tatsachen durch Wegschauen aus der Welt zu schaffen.

Das Beispiel Ernst Lossas zeigt uns, wie konsequent über Jahrzehnte weggeschaut wurde. Der "Fall Lossa" wurde direkt nach dem zweiten Weltkrieg im Rahmen der Untersuchungen über "Euthanasie"-Morde in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren und deren Außenstellen wie der Zweiganstalt in Irsee von den Amerikanern exemplarisch untersucht. Sie ermittelten seit Mitte 1945 das Einzelschicksal von Lossa und die Umstände seiner Ermordung, unter anderem durch Vernehmung mehrerer Zeugen wie früherer Krankenpfleger.

Lossas Krankengeschichte und seine gezielte Tötung wurden dokumentarisch aufgearbeitet und gemeinsam mit den Zeugenaussagen als exemplarisches Beispiel in mehreren Strafprozessen zu Verbrechen des Nationalsozialismus verwendet. Unter anderem war Lossas Schicksal in den 1948 in Kempten geführten Strafprozessen exemplarischer Bestandteil der Beweisführung gegen den leitenden NS-Euthanasie-Arzt Valentin Faltlhauser und weitere Angeklagte.2 Bis heute blieb Ernst Lossa aber eine "Fallgeschichte" der Psychiatrie.

Dass Vater und Onkel von Ernst Lossa in Konzentrationslagern inhaftiert waren und der Vater dort ermordet wurde, interessierte bei dieser Betrachtungsweise kaum. Der von ihnen isoliert internierte und ermordete Junge blieb in den Akten ein "Einzelfall", die familiären Zusammenhänge wurden ausgeblendet, weil seine Verwandten ja nicht dem psychiatrischen Prozedere unterworfen waren.

Auch in den von Dr. Michael von Cranach als Buch herausgegebenen Untersuchungen "Psychiatrie im Nationalsozialismus - Die Bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945" nimmt die "Krankengeschichte" Lossas einen prominenten Platz ein, ohne dass die für seine "Laufbahn" durch die NS-Kinderheime bis zum Euthanasiemord ursächliche Herkunft geklärt und benannt wurde 3.

Der Ausstellungskatalog zur seit 1999 in verschiedenen Städten gezeigten Ausstellung heisst "IN MEMORIAM (Lossa, Ernst)." Bis 30.12.2007 ist sie im Deutschen Medizinhistorischen Museum in Ingolstadt 4 zu sehen. Das Plakat zur Ausstellung zeigt eine Fotografie Ernst Lossas aus seiner Krankengeschichte.

Noch immer ist das Schicksal von Ernst Lossa, der in der psychiatrischen Anstalt als gesund und handlungsfähig auffiel, ein Fanal der Dokumentation fehlgeleiteten ärztlich-psychiatrischen Handelns im Nationalsozialismus. So wurde es auch möglich, dass die Stadt Augsburg eine Strasse nach Ernst Lossa benennt 5, die Webseite des zum Gelände gehörigen "Denkorts Halle 116" zur Strassenbenennung aber lapidar kommentiert: “Ernst Lossa (1929 - 1944) war das Kind eines Augsburgers, der sein Geld mit hausieren verdiente. (...)” 6

Die Wende?

Dr. Michael von Cranach, 1980 - 2006 Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren, erhielt 2006 in Augsburg den Marion-Samuel-Preis der "Stiftung Erinnerung". Cranach hat wesentliche Teile seines Lebenswerks der Aufarbeitung der Geschichte der nationalsozialistischen Psychiatrie gewidmet. "In Memoriam - im Gedenken an die Opfer des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms" ist eine von Michael von Cranach gestaltete Ausstellung zum Thema Psychiatrie im Nationalsozialismus.

Dass gerade eine der wichtigsten seiner Fallgeschichten mit der Reduktion auf die psychiatrische Sichtweise äusserst ungenügend geklärt ist, wurde von Cranach erst nach vertieften neueren Nachforschungen und persönlichen Kontakten mit Überlebenden der Familie Lossa bewusst, bildet jetzt jedoch ein Resumée seiner langjährigen Forschung und ein weiteres Forschungsdesiderat für andere Fälle.

Auf der Webseite des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener (BPE) e.V. 7 ist Cranachs Ansprache zum Gedenktag für die Opfer der Euthanasiegesetze an der Mahn- und Gedenkveranstaltung Gedenkplatte in Berlin am 1.September 2007 dokumentiert: "Die Auseinandersetzung mit diesem Thema begann spät. Nachdem die Alliierten kurzfristig intensiv Recherchen anstellten, die ihren Niederschlag in den Nürnberger Ärzteprozesse mit der Verurteilung von 4 Hauptverantwortlichen im Jahre 1947 fanden, gerieten diese Ereignisse in Vergessenheit, oder besser gesagt wurden aktiv verdrängt, teilweise sogar verleugnet."

In dieser Rede schilderte von Cranach Herkunft, Familie und Schicksal von Ernst Lossa mit den Worten:

"Ernst Lossa ist am 1. November 1929 in Augsburg geboren. Seine Eltern waren Jenische, die als Restauratoren von Kirchenfiguren in den warmen Monaten des Jahres als Fahrende durch das Land reisten, von den Nationalsozialisten als ‚Zigeunermischlinge' bezeichnet und verfolgt.

Ernst's Vater und Onkel wurden zunächst in Dachau interniert, der Vater starb später im KZ Flossenbürg. Ernst und seine beiden Schwestern kamen in ein Waisenhaus, mit neun Jahren wurde Ernst wegen seiner Aufsässigkeit in ein Erziehungsheim verlegt.

Hier wurde er von einer Ärztin der Erbbiologischen Abteilung des Kaiser Wilhelm Instituts begutachtet und wegen seiner "asozialen Züge" im April 1942 in die Kinderfachabteilung der Anstalt Kaufbeuren verlegt.

Der Anstaltsleiter hatte Bedenken, Ernst zu töten, da er nicht so krank war wie die anderen Patienten und außerdem von Pflegern und Schwester gemocht wurde wegen seines freundlichen und hilfsbereiten Wesens.

Ernst bekam mit, wie in der Anstalt Menschen durch Spritzen getötet wurden und der Hungerkur ausgesetzt waren. Als Ernst mehrmals in die Vorratskammern der Krankenhausküche einbrach und an die hungernden Patienten Lebensmittel verteilte, bestand der Verwaltungsleiter auf seiner Tötung. Am 9. August 1944 wurde er mit einer Morphium- Scopolamin Injektion getötet.

Er wusste, dass ihm dieses Schicksal bevorstand. Am Vortage gab er einem ihm freundlich gesinnten Pfleger ein Foto von sich mit der Aufschrift "zum Andenken" und der Bitte ihn schön einzusargen. Vor wenigen Wochen hat seine Heimatstadt Augsburg eine Strasse nach ihm benannt 8 ."

Stefan M. Seydel vom mit mehreren Preisen 9 ausgezeichneten Internet-Projekt “Rebell-TV” 10 führte am 18.5.2007 ein Interview mit Michael von Cranach 11 .

Seydel: Heute beschäftigst Du Dich noch eher mit, wie sagt man, Romas, Sintis?

Cranach: (...) in Kaufbeuren, in dieser Klinik, die eine der schlimmsten Kliniken in der Nazizeit war (...) haben wir dann sehr intensiv versucht, die Nazivergangenheit der Psychiatrie in Kaufbeuren zu erforschen und daraus wurde dann ein grosses Projekt, [so] dass wir die ganze Psychiatrie in der Nazizeit in Bayern dokumentiert haben und darüber einiges geschrieben haben und Gedenkstätten eingerichtet haben. Diese Arbeit lässt mich nicht los, so dass ich mich jetzt noch um manche Aspekte kümmere. Da gibt es zwei Aspekte. Das eine ist ein bisschen das Schicksal der jüdischen Patienten und, ganz aktuell im Augenblick, das Schicksal der jenischen Patienten.

Seydel: Jenische sagst Du?

Cranach: Der Jenischen, ja, oder "das fahrende Volk" heissen sie auch in Deutschland. Darüber ist gar nichts [publiziert], da gibt es gar keine Literatur. Eine Doktorarbeit gibt es, die aber die psychiatrische Seite überhaupt nicht sieht. Wir haben einen Bub gefunden, Ernst Lossa, der in Kaufbeuren mit 14 Jahren getötet wurde von den Nazis.

Der war gar nicht mal psychisch krank, sondern der ist nur in die Psychiatrie gekommen, der Vater, der war jenisch, und sein Onkel sind ins KZ gekommen und der Vater ist dort umgebracht worden. Die Kinder hat man in ein Waisenhaus getan und in dem Waisenhaus war unser Patient sozusagen, Ernst, so aufmüpfig und vielleicht ein schwieriges Kind auf Grund der Umstände, dass man ihn begutachtet hat als Zwölfjährigen und nach Kaufbeuren geschickt hat.

Und in Kaufbeuren, das ist ja das Eindrucksvolle, wissen wir ganz viel über ihn, weil wir ganz viele Zeugen noch gefunden haben und auch weil die Amerikaner kurzfristig nach 45 sehr gut recherchiert haben. Dieser hat noch, das ist unglaublich, Widerstand geleistet, weil in der Klinik gab es eine Kinderabteilung und da gab es Hungerkuren. Man liess ja Patienten verhungern. Und dieser Bub ist in die Speisekammer eingebrochen, häufig, hat Lebensmittel geklaut und an die hungernden Kinder verteilt. Und deshalb hat der Direktor gefordert, dass er umgebracht wurde, der Verwaltungsdirektor.

Und der ärztliche Direktor, der ein Schlimmer war, hatte aber Bedenken, weil dieses Kind nicht wirklich psychisch krank war. Aber schliesslich hat er unter dem Druck des Verwaltungsdirektors auch den umgebracht. Wir haben jetzt die Schwester von diesem Bub, die überlebt hat, gefunden und ich habe ganz viel recherchiert und so bin ich drauf gekommen, dass die Jenischen in Deutschland auch systematisch verfolgt wurden. Und jetzt versuche ich halt in die Archive zu gehen. Die Jenischen hiessen in der Naziterminologie "Zigeunermischlinge".

Seydel: Warum Mischlinge?

Cranach: Sie haben mit "Zigeunern" eigentlich gar nichts zu tun. Sie leben vielleicht ähnlich oder nomadisch oder so (...) in der Naziideologie waren sie arisch. Aber um sie umbringen zu können, brauchte es einen andern Namen, brauchte es eine diskriminierende Zugehörigkeit.

Einzelfall?

Dass die Verfolgung der Familie um Ernst Lossa nicht ein Einzelfall war, dokumentiert auch folgendes, hier auszugsweise wiedergegebenes Rekurs-Schreiben von Prof. Dr. Othmar Freiherr von Verschuer 12 vom 21. 7. 1941 an das Erbgesundheitsgericht Frankfurt a.M.:

"In der Erbgesundheitssache der Katharina Reinhardt gebe ich folgende Begründung zu meiner am 3.7. eingereichten Beschwerde gegen den Beschluß des Erbgesundheits-gerichts vom 11.6.1941.

(...) Es gibt Sippen, in welchen Vagabundentum, Kriminalität, asoziales und antisoziales Verhalten ausgesprochen erblich auftreten. In diesem völligen Versagen gegenüber den Anforderungen der menschlichen Gesellschaft ist auch eine Form des Schwachsinns im rassenhygienischen Sinne zu sehen.

Es kommt dabei nicht auf Mängel bei der Intelligenzprüfung an. Die Erfahrung mit diesen jenischen Sippen ergeben vielmehr, dass die betreffenden Personen durch besonders raffiniertes Verhalten das Gericht zu täuschen verstehen.

Wichtiger als der Nachweis von intellektuellen Fähigkeiten bei einer Intelligenzprüfung ist die Lebensbewährung, d.h. die praktische Probe der Begabung im Leben. Ritter spricht deshalb in seinem Buch von einem "getarnten Schwachsinn". Unter die Psychopathien sind diese Menschen auch nicht einzureihen. Es liegt vielmehr ein für die Gemeinschaft besonders gefährlicher Erbtypus vor, der ausgemerzt werden muß.

Daß Katharina Reinhardt zu den von Ritter in seinem Buch beschriebenen Erbtypen gehört, ergibt sich aus der Sippentafel des Berliner Zigeuner-Archiva einwandfrei. Die vorgelegten Unterlagen sind neue Tatsachen im Sinne des GeszVen und ist deshalb die Wiederaufnahme des Verfahrens zu Recht beantragt 13."

Die zentrale Stellung, die Verschuer innerhalb der Forschung zu Erbbiologie und Rassenhygiene zukam, muss hier nicht weiter erläutert werden. Zwar stellt auch er fest, dass die Jenischen nicht "unter die Psychopathien einzureihen sind". Er postuliert aber unmissverständlich die Ausmerzung des "für die Gemeinschaft besonders gefährlichen Erbtypus".

Zur Bekräftigung seiner Argumentation verweist er auf das dem Rekursschreiben beigelegte Buch "Ein Menschenschlag" von Robert Ritter 14.

Dass die Jenischen in Forschung und Publikation als eigenständige Gruppe bis heute kaum Erwähnung fanden, mag darannd, weil für sie oft liegen, dass die sie in den Archiven oft schwerer als solche zu identifizieren siverschiedenste, nicht exklusive und eindeutige Begrifflichkeiten wie "Landfahrer", "nach Zigeunerart umherziehende Personen", "Asoziale" verwendet wurden.

Ein anderer Umstand, der zu dieser virulenten Nichtbeachtung durch die Wissenschaft möglicherweise beigetragen hat, ist die Tatsache, dass die Jenischen bis in die neuste Zeit in Deutschland keine eigenen politischen Interessenvertretungen hatten, wohingegen z.B. die Sinti, angeführt vom "Zentralrat deutscher Sinti und Roma", über Jahrzehnte eine begriffsprägende Öffentlichkeitsarbeit leisteten.

Dass die Wissenschaft oft reflexartig einem, z.B. politisch und/oder medial gesetzten, Mainstream folgt, ist in der Wissenschaftsgeschichte hinreichend, gerade auch für die Zeit des Nationalsozialismus, dargelegt. Dies bleiben jedoch Muster, die das Fehlen der Jenischen in der Aufarbeitung der Opfergeschichte von Nazideutschland vielleicht erklären, sicher aber nicht entschuldigen. Symptomatisch hierfür steht, dass das zitierte Schreiben durch Dr. Peter Sandner, Historiker und wissenschaftlicher Beirat der Gesellschaft für Antiziganismusforschung e.V. 15 gesichtet, eingescannt und zumindest für die Publikation:

Die "rassenbiologische" und polizeiliche Erfassung der Sinti und Roma in Frankfurt ab 1936" 16 ausgewertet wurde, die Jenischen aber auf der ganzen Webseite nicht erwähnt werden.

A Dr.Gerhart Marckhgott, MAS, Historiker, Direktor Oberösterreichisches Landesarchiv, Herausgeber und Redakteur verschiedener Publikationen zum Thema Nationalsozialismus in Österreich; Prof. Dr. Gustav Hofmann, Psychiater, em. Leiter der Landes-Nervenklinik Wagner- Jauregg Linz (Niedernhart); Dr. Brigitte Kepplinger, Soziologin, Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik der Johannes-Kepler-Universität Linz; Dr. Hartmut Reese, Sozialwissenschafter, Leiter des Lern- und Gedenkortes Schloss Hartheim: siehe Quell-Link A S. 23

B ebda S. 25
C Dr. Michael von Cranach, em. Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren, Hrsg. "Psychiatrie im Nationalsozialismus", 1999 in: Quell-Link 8
D Otmar Freiherr von Verschuer in Quell-Link 9

1 Am umfassendsten die Hamburger Dissertation von Andrew d'Arcangelis: Die Jenischen - verfolgt im NS-Staat 1934-1944. Eine soziolinguistische und historische Studie. Hamburg 2006; Heidi Schleich: Das Jenische im Tirol. Sprache und Geschichte, der Karrner, Laninger, Dörcher. Landeck 2001; Toni S. Pecosta: Die Tiroler Karrner. Vom Verschwindendes fahrenden Volkes der Jenischen. Innsbruck 2003; Peter Widmann: An den Rändern der Städte. Sinti und Jenische in der deutschen Kommunalpolitik.

Berlin 2001; Thomas Huonker/Regula Ludi: Roma, Sinti und Jenische. Schweizerische Zigeunerpolitik zur Zeit des Nationalsozialismus. Zürich 2001; Urs Walder: Nomaden in der Schweiz. Zürich 1999: Thomas Huonker: Fahrendes Volk - verfolgt und verfemt. Jenische Lebensläufe, Hg. von der Radgenossenschaft der Landstrasse, Zürich 1987.
2siehe Quell-Link 1

3 Michael von Cranach: Ernst Lossa: Eine Krankengeschichte. In: Michael von Cranach/Hans-Ludwig Siemen (Hg.): Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die bayerischen Heil- u. Pflegeanstalten zwischen 1933 & 1945. München 1999, S. 475-485
4 siehe Quell-Link 2
5 siehe Quell-Link 3
6 siehe Quell-Link 4
7 siehe Quell-Link 5
8 siehe Quell-Link 6
9 2006: als Teil von rocketboom.com, webby award usa 06 (kategorie: best use of video or moving image) | goldene maus 06 (kategorie: politik) 2007: ars electronica 07 (kategorie: digital communities) | gewinner migros jubilee award (kategorie wissensvermittlung)
10 siehe Quell-Link 7
11 siehe Quell-Link 8
12 Otmar Freiherr von Verschuer (1896-1969), Prof. Dr. med., Anthropologe, Humangenetiker, ab 1927 - nach seiner viel beachteten Habilitationsschrift über die Zwillingsforschung - Abteilungsleiter am Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, ab 1942 dessen Leiter

1935 Direktor des neu gegründeten Instituts für Erbbiologie und Rassenhygiene an der Johann Wolfgang Goethe-Universität, das sich bis 1942 zu einem Zentrum der natio-nalsozialistischen Rassenforschung entwickelte; sorgte als Herausgeber der Beilage zum Deutschen Ärzteblatt "Der Erbarzt " für weite - auch internationale - Verbreitung der nationalsozialistischen Vorstellungen zur Rassehygiene und Humangenetik; Verfasser der "Denkschrift zur Rassenbiologischen Erfassung der Juden und Judenmischlinge in Deutschland";

1940 Doktorvater von Josef Mengele; Verschuer blieb nach 1945 trotz seiner herausragenden Stellung im NS unbehelligt; er erhielt 1951 eine Professur und den Auftrag für den Aufbau des Instituts für Humangenetik in Münster.

13 Als gescanntes Dokument zu finden in Quell-Link 9
14 Robert Ritter: Ein Menschenschlag. Erbärztliche und erbgeschichtliche Untersuchungen über die - durch 10 Geschlechtefolgen erforschten - Nachkommen von ‚Vagabunden, Jaunern und Räubern'. Leipzig 1937

15 siehe Quell-Link 10
16 siehe Quell-Link 11