Die Grundsatzerklärung 2008/9


Liebe Mitglieder, Freunde und Partner, liebe Jenische…

Wieder einmal ist ein arbeitsreiches und wie ich meine auch für uns recht erfolgreiches Jahr vorbei. Für mich wie jedes Jahr eine Gelegenheit Bilanz zu ziehen über das was wir erreichen konnten – oder eben auch nicht erreichen konnten! Nur, dieses Jahr freue ich mich dass dass Erreichte überwiegt und wir uns darüber freuen können ein wenig von dem erreicht zu haben was wir uns vorgenommen hatten. Im Namen des Bundesverbandes des J/B/i/D e.V. wünsche ich euch allen ein Frohes, glückliches und vor allem auch erfolgreiches neues Jahr in welchem Ihr alle euch gesteckten Ziele auch erreicht und hoffe Ihr habt den Jahreswechsel, bzw. den „Kater“ am Neujahrstag halbwegs gut überstanden.

Auch wir haben unsere wohlverdienten Ferien nun wieder beendet und stehen euch in allen Sekretariaten unserer Landes- und Mitgliedsorganisationen wieder im gewohnten Umfang zur Verfügung. ich möchte diese Gelegenheit auch dazu nutzen unseren unzähligen fleißigen „Mainzelmännchen“, unseren aktiven Mitgliedern in allen Landes- und Mitgliedsorganisationen ausdrücklich für Ihren nach wie vor ehrenamtlichen Einsatz im J/B/i/D e.V. zu danken denn ohne diesen wären wohl nur die wenigsten der im letzten Jahr doch erreichten Erfolge niemals möglich gewesen. Diese Leute tragen alle ihre ganzen Unkosten zumeist aus ihrer eigenen Tasche und jeder von Ihnen opfert den Großteil Ihrer Freizeit (und so manches Mal noch viel mehr!) um anderen Jenischen zu helfen, sich mit Behörden oder Gerichten herumzustreiten oder auch in den Archiven in unendlich erscheinenden Bergen von Dokumenten nach der sprichwörtlichen „Nadel im Heuhaufen“ zu suchen welche den Verband irgendwie wieder ein wenig weiterbringen kann. > All diesen gebührt nicht nur unser aller Dank sondern auch jede Ehre für das bisher erreichte!<

Wir konnten allein seit dem wir unsere Aktivitäten auch bundesweit anbieten schon über 700 jenischen Jugendlichen die Einberufung zur Bundeswehr ersparen, in unzähligen Gerichtsverfahren konnten wir jenischen Familien zu Ihrem Recht verhelfen und viele jenische Kinder konnten wir vor dem Schicksal Ihrer Familie entrissen in einem Heim der Ruche aufzuwachsen bewahren, jeder einzelnen Familie möchte ich hierzu meinen Glückwunsch aussprechen! Mehr als 250 jungen Jenischen konnten wir alleine 2008 die Einberufung zur Bundeswehr ersparen, den letzten Erfolg in dieser Hinsicht konnten wir tatsächlich noch am 23. Dezember verzeichnen, was für ein Weihnachtsgeschenk für den Betroffenen! Allen denen wir diesbezüglich helfen konnten gratuliere ich von Herzen! In mehr als 120 Gerichtsverfahren konnten wir alleine in 2008 unseren jenischen Leuten zur Seite stehen und in den allermeisten Fällen konnten unsere, bzw. die von uns beauftragten Anwälte denen auch zu Ihrem Recht verhelfen, bei denjenigen wo sich noch kein Erfolg eingestellt hat sind wir guter Hoffnung das dies in der Berufungs-, bzw. Revisionsverhandlung geschieht!

Unzähligen jenischen Familien konnten wir durch unsere kompetenten Partner zu dem erwünschten Rat, bzw. zur gewünschten Unterstützung verhelfen! Wir konnten auch 2008 unsere Mitgliederzahl wieder nahezu um 20% steigern! Wir konnten 3 neue Mitgliedsorganisationen in Europa, nämlich in Frankreich, in Tschechien und in Luxemburg in der großen Familie des Jenischen Bundes begrüßen! In der BRD konnten wir nun auch die lange geschlossenen Landesbüros in der Pfalz und in Hessen wieder eröffnen! Im Saarland wurde 2008 ein eigenes Landesbüro eröffnet und in Bayern, Hamburg und Schleswig-Holstein wird dies aller Wahrscheinlichkeit nach im Frühjahr 2009 erfolgen! Als offizielles Mitglied der FIR haben wir nun NGO-Beobachterstatus bei der UNO, der UNESCO und dem Europarat der EU, was uns viele weitere Türen öffnen wird! Die 2008 erstmals verliehene Bundesverdienstmedaille des J/B/i/D e.V. an den Autor Robert Dormes (Veranstaltung zur Verleihung findet Mitte Februar `09 statt) und Venanz Nobel stellt eine weitere Neuerung dar auf die wir sehr stolz sein können, ebenfalls die 2008 gegründete Gesellschaft für Antiziganismusforschung im J/B/i/D e.V., bei welcher sich schon jetzt uns eine sehr rege Beteiligung der Wissenschaft an diesem Projekt abzeichnet, ist wieder ein Schritt in Richtung der so lange vernachlässigten Aufarbeitung der jenischen Verfolgungs- und Leidensgeschichte welcher wir uns im nächsten Jahr gemeinsam mit unserem Partnerverband „schäft qwant“ widmen wollen!

Auch das Anti-Drogen-Projekt „Little Lyon and the Cross“ für das wir die Schirmherrschaft übernommen haben wird dieses Jahr einen recht großen Teil unserer Aufmerksamkeit erhalten und gemeinsam mit einem kompetenten Partner sicherlich auch zu einem Erfolg werden, ebenso wie das zeitgleich ins Leben gerufene „Sekretariat für Sucht- und Konfliktberatung“ im Bundessekretariat welches sich diesem leider auch bei unseren jugendlichen immer mehr um sich greifenden Problem widmen wird und den Betroffenen mit Rat und Tat zur Seite stehen wird. Unzählige unserer aktiven Mitglieder haben auch 2008 wieder gemeinsam mit den letzten noch lebenden Zeitzeugen, bzw. in letzter Zeit auch aufgrund deren hohen Alters immer mehr auch mit deren auf Film gebannten Erlebnisberichten in vielen Schulen Kindern und Jugendlichen gezeigt was damals mit allen unseren Leuten geschah! Unzählige Anfragen gingen bisher von Leuten ein welchen ihre Eltern, Großeltern usw. erst auf dem Sterbebett oder kurz zuvor eröffnet haben das Sie jenischer Abstammung währen. Vielen von Ihnen konnten wir den Kontakt oder gar den Anschluss an die jenische Seite ihrer Familie ermöglichen, so konnten wir z.T. sogar ganze Familien wieder zusammenführen.

Und alles ohne Fördermittel oder anderweitige Zuwendungen vom Staat! Wir finanzieren uns ausschließlich durch den eigenen Einsatz unserer Ehrenamtlichen! Vom Generalsekretär bis zum Sekretär vor Ort in den Ortsvereinen, alle aktiven Mitarbeiter in den Sekretariaten usw. arbeiten alle ehrenamtlich und tragen die meisten Ihrer Kosten auch noch selbst! So verstehen wir unsere Arbeit und darauf kann jeder der daran auch nur im Geringsten beteiligt war auch stolz drauf sein denn uns kann nie jemand vorwerfen wir hätten von oder durch unsere Verbandsarbeit Geld an unseren Leuten oder deren Leiden verdient! Das war auch genau das was wir uns bei der Gründung des Verbandes vorgenommen haben und was bis heute fest in unserer Satzung verankert ist! Selbst wenn die heute aktive Generation mal das Heft an die nächste Generation abgeben wird kann dieser Punkt unserer Satzung der festschreibt das alle Posten, angefangen vom 1. Vorstand bis zum Ansprechpartner vor Ort, Ehrenamtlich zu besetzen sind und diese auch außer den von Ihnen nachgewiesenen Unkosten kein Geld für Ihre Tätigkeit für den Verband erhalten dürfen! Und dieser Punkt kann neben einigen anderen grundlegenden Punkten unserer Satzung nur mit einem EINSTIMMIGEN Beschluss der Bundesvollversammlung geändert werden an welcher sich die dann agierenden Vorstandsmitglieder auch nicht beteiligen dürfen.

So hofften wir damals das dies wirklich festgeschrieben ist denn wenn wir das so halten wollten wie das bei einigen anderen Organisationen der Fall ist wo sich manche Leute ne goldene Nase und einen Kamelhaarmantel nach dem anderen an Ihren Leuten verdienen hätten wir uns ja nur denen anschließen müssen, man verwies uns ja ganz am Anfang immer wieder an „unseren“ Bundesverband welchem man fälschlicher Weise auch uns Jenische immer wieder zurechnen wollte da diese der Obrigkeit gegenüber wohl immer wieder von Ihrer jenischen „Unterkultur“ gesprochen hatten. Heute ist das schon etwas anders und wir sind von der Obrigkeit als Gesprächspartner für die Belange der Jenischen gemeinsam mit unseren Partnerorganisationen anerkannt worden. Dies ist der erste Schritt um wirklich was bewegen zu können. Sicher, wir haben im letzten Jahr aber auch einige wirklich herbe Enttäuschungen erleben müssen, so mussten wir einige sehr bittere Erfahrungen machen was unsere angeblichen „Freunde“ angeht und erfahren, das man bei manchen dieser „Freunde“ nur solange als Freund angesehen wird wie man für diese von Nutzen war, aber auch damit können, bzw. müssen wir leben. Wirklich bitter ist nur die Tatsache dass sich dies nicht nur auf „Freunde“ bezogen hat bei denen wir schon länger damit gerechnet hatten sondern auch auf „Freunde“ aus unserer eigenen Volksgruppe zutraf und wir wieder einmal mehr lernen mussten das man in die Menschen einfach nicht hineinschauen kann.

Nun gut, wir konnten dennoch vieles von dem erreichen was wir uns für dieses Jahr so vorgenommen hatten – und einiges mehr! ich freue mich bereits jetzt auf das was alles in diesem Jahr noch so passieren wird denn mit so einem Team und mit solchen Partnern macht das Wirken wirklich spaß und ich bin stolz mit jedem von euch zusammenarbeiten zu können! Hier möchte ich besonders auch immer wieder unseren vielen aktiven Mitgliedern in den Landes- und Mitgliedsorganisationen, meinen Sekretären/innen und Vize-Sekretären/innen im Bundessekretariat und den Landessekretariaten, den für uns kostenlos agierenden Anwälten und allen anderen für uns in irgendeiner Form aktiven Menschen danken ohne deren ehrenamtlichen Einsatz das alles erst gar nicht möglich gewesen wäre! Noch immer bekommen wir ja keinen Cent an Fördermittel und bezahlen alles aus unseren eigenen Mitteln, den wenigen eingegangenen Spenden und das meiste aus den privaten Taschen der vorgenannten Aktiven im jenischen Bund! Wenn man dann gleichzeitig anschaut was wir alles erreichen konnten erfüllt mich das mit Stolz – Danke euch allen das ihr das ermöglicht habt!

Noch zu erwähnen wäre der Erfolg hinsichtlich der Anerkennung des Völkermordes an den Jenischen durch den Präsidenten des Bundesrats der BRD, Herrn Peter Müller (CDU, Ministerpräsident des Saarlandes) welcher in seiner Rede zur alljährlichen Gedenkveranstaltung für die Opfer unter den Sinti, Roma und Jenischen im Dritten Reich bei der 853. Sitzung des Bundesrats am 19. Dezember 2008 mit den Worten:

„Heute weilen unter uns einige der Nachkommen derer, die dem Holocaust an Sinti, Roma und Jenischen zum Opfer fielen, und einige, die den versuchten Völkermord überlebt haben. ich begrüße sie herzlich auf unserer Ehrentribüne ebenso wie die Vertreter des Zentralrates der Sinti und Roma, der Sinti Allianz Deutschland sowie des Vereins der Jenischen. Ihnen allen sage ich: Wir verneigen uns vor allen Sinti, Roma und Jenischen, die zu Opfern des nationalsozialistischen Völkermordes geworden sind. Wir stehen an der Seite derjenigen, die den Holocaust überlebt haben. Wir fühlen mit allen, deren Familienmitglieder oder Freunde von der nationalsozialistischen Diktatur verfolgt und ermordet worden sind. Die Erinnerung an die nationalsozialistische Terrorherrschaft wird durch das Wissen um die Einzigartigkeit des Holocaust bestimmt. Der Völkermord an den europäischen Juden, Sinti, Roma und Jenischen war ein Menschheitsverbrechen bisher nicht gekannten, beispiellosen Ausmaßes!“

Erstmals auch ausdrücklich den versuchten Genozid an den Jenischen anerkannte und damit die Verfolgungen der Jenischen mit denen der europäischen Juden, Sinti und Roma gleichsetzte! Dafür gilt Herrn Bundesratspräsident Müller der Dank unsers Volkes für diesen so lange schon überfälligen Schritt! Ebenso konnten wir erreichen das unsere jenischen Opfer auf dem nun 2009 zu eröffnenden Mahnmal für die als so genannte „Zigeuner“ diffamierten und verfolgten Menschen im dritten Reich als „eigenständige Opfergruppe“ berücksichtigt werden, was ja auch niemand wirklich zu erhoffen gewagt hätte und nicht zuletzt auch wegen der unsäglichen Angriffe in den letzten beiden Jahren die wir, insbesondere auch ich selbst wegen dieser Forderung nach Berücksichtigung unserer Opfer erdulden mussten sind wir umso stolzer darauf dies durchgehalten und auch durchgesetzt zu haben!

An dieser Stelle möchte ich mich bei den vielen mit uns gemeinsam agierenden Partnern an diesem Projekt bedanken! Insbesondere auch bei unserem Venanz Nobel und dem Verein schäft qwant, dem Ehrenmitglied des Bundesrats, Dr. Thomas Huonker und Frau Magister Großinger von der Uni Innsbruck, deren wissenschaftliche Arbeiten uns sehr geholfen haben. Unser Dank gilt natürlich auch allen anderen welche uns in dieser Hinsicht unterstützt haben, es sind schlicht und ergreifend zu viele um Sie alle hier aufzählen zu können ohne den einen oder Anderen zu vergessen, deshalb danke ich hier allen noch einmal, ohne jede Ausnahme! Auch den politischen Entscheidungsträgern gilt an dieser Stelle unser Dank, angefangen vom Minister Neumann (BKM), dessen Ministerialdirigenten Dr. Roik, Frau Dr. Bopf und Herrn Schmitt-Hüttebräuker! Ebenso den Fraktionen im Deutschen Bundestag und den Ministerpräsidenten der Bundesländer welche uns im Bundesrat so unterstützt haben!

Die jenische Volks- und Opfergruppe ist Ihnen allen zu tiefem Dank verpflichtet! Im nächsten Jahr könnten wir mit etwas Glück eines unserer höchsten Ziele erreichen, die Anerkennung der jenischen Volkgruppe als Minderheitenvolk in der BRD! ich kann hierzu keine Einzelheiten nennen um die bereits laufenden Gespräche, bzw. Verhandlungen hierzu nicht zu gefährden denn wir haben viele Neider welche uns bei jeder Möglichkeit versuchen Steine in den Weg zu legen. Aber soviel kann ich euch sagen, noch niemals waren wir so nahe dran und nächstes Jahr ist ein Superwahljahr und wir Jenischen haben eine Menge Stimmen welche sich viele Parteien gerne sichern würden! Beten wir alle zu Gott und halten vor allem auch weiter fest zusammen, dann schaffen wir das vielleicht sogar viel früher als wir das jemals zu hoffen gewagt hätten!

Ich wünsche euch allen ein glückliches und erfolgreiches neues Jahr, Gesundheit und vor allem Gottes Segen auf allen euren Wegen, ganz egal wohin euch diese auch immer führen und wie steinig diese auch sein mögen! Kommt gut an und vor allem, kommt auch wieder gesund und wohlbehalten nach Hause. Denkt immer an die Worte welche uns unsere Alten immer mit auf den Weg gaben und haltet fest zusammen wenn ihr unterwegs auf „Reisende“ trefft, denn nur wenn jeder von uns die „Solidarität der Landstraße“ auch genauso lebt wie sie seit jeher unter unseren Leuten Tradition war, können wir uns unsere jenischen Werte, unsere Traditionen und unsere jenische Kultur erhalten, auf welche wir alle so stolz sein können …

Euer Timo Adam Wagner